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Neefer Stückelcher und Originale
- Die ersten Hundert
von Franz Josef Blümling

Liebe Leser meiner Neefer Chronik,

ich spreche einmal die Neefer an, oder auch Leute, die mit diesem Ort verwachsen sind. Habt ihr schon einmal eine Begebenheit gehabt, die amüsant oder von Besonderheit ist? Ich möchte diese in der Chronik an diesem Platz festhalten. Wenn solche Geschehnisse nicht festgehalten werden, sind sie irgendwann für die Nachwelt für immer verloren. Dies wäre doch schade!

Halten wir es doch mit dem größten Geschichteerzähler des Mittelalters, dem Mönchen Caesarius von Heisterbach. Er hat seine „Stücklein“, die er auf seinen Visitationsreisen erlebte oder solche, die man ihm zugetragen hatte, fleißig notiert und seiner Nachwelt hinterlassen – wie es in dieser Chronik auch unter „20. Sagen und Erzählungen“ so festgehalten ist. Nehmen wir seinen Rat an, den er seinen Klosterschülern gegeben hat: „Sammelt die Stücklein, damit sie nicht verderben. Ein unwiederbringlicher Verlust wird es sein, wenn etwa vergessen würde und unterginge, was der Nachwelt zur Erbauung dienen könnte.“

1. Neefer Wind
2. So streng waren hier die Bräuche
3. Von der besoffenen Sau
4. „In die Haus .... !„
5. Meine erste Tafel Schokolade
6. Ottmar rettete eine „Madenschmeer“
7. Wie ein Dreckschwein vor dem Ersäufen gerettet wurde
8. Und noch ein Stückelchen von einem Schwein
9. „ ... und wenn du nicht den Teller leer isst, dann geht es dir wie dem Stubener Hund!“
10. Da hatte der „Mils-Alfons“ mit dem „Bartels-Häns“ noch ein „Hühnchen zu rupfen“
11. Über die Brüste der Frauen in Algerien
12. „Bitte, bitte, nicht noch einmal den Sarg auf den Kopf stellen!“
13. Warum die Angler plötzlich in Panik gerieten
14. Dem Alois seine Schmerzen im „Schwelles“
15. „Man muss sich nur zu helfen wissen!“
16. Der rettende Tisch
17. Das war nun auch kein freundlicher Akt von „Onkel Fritz“!
18. Es gibt viel zu tun – irgend wann packen wir es an!
19. „Ich wollen zu Herberge(n)“
20. „Karl spring, do es en Kaul!“
21. Scheid’s Spitz war spitz auf Bremm’s Bobby
22. Waidmannsheil erntete nicht Weidmannsdank
23. Na denn mal „Petri Heil!“
24. Dumm gelaufen – oder: Die Geschichte mit den Erdbeeren
25. Eine recht schauerliche und beeindruckende Geschichte
26. Der Schokoladenpudding auf dem Fensterbrett
27. Rohe Eier verwahrt man nicht in der Hosentasche!
28. Außen Hui – Innen Pfui!
29. Das war nun wirklich kein Beitrag zur Völkerverständigung!
30. Für 5 Groschen „Hau-mich-blau“
31. Nach dem „Summer“ kommt der Herbst
32. Dem „Schuster-Lud“ seine Kirschen
33. Der Aldegunder Geißenbock stand nicht auf eine Neefer Geißendame
34. Heringe in der Mosel zu wässern ist nicht verboten!
35. In dubio pro reo! – Im Zweifel für den Angeklagten!
36. “Ques que ce - dat lo da?”
37. Der Versuch, dem Französisch-Unterricht zu entgehen
38. Struppi im Kaninchenstall
39. Wie das Fell von der Kuh vom Treise Pitter versoffen wurde
40. „Sind sie der Herr Rommel?“
41. Dat Ding met der „Bachermaschin“ und die Meinung von Experten
42. Was sollen die Mädchen im Gesangunterricht
ihre Zeit verplempern?
43. Immer diese Neuerungen!
44. Ein Intermezzo der besonderen Art
45. Ein und für alle Mal: Es gibt das „Moselkraftwerk Neef“ und nicht das „Moselkraftwerk St. Aldegund“
46. Der „Proffe-Klub“ ging „fringse“
47. Ein trauriges „Stückelche“
48. Neefer BdM-Mädchen bei einem gemeinsamen Gottesdienst
49. Eine merkwürdige Zeremonie bei der Trauung vom „Wanisch Jupp“ mit der „Bremms Liss“
50. So wurde ich aufgeklärt
51. Schwimmen lernten wir im "Seich-Kempel"
52. Ich hatte Unkeusches gesehen
53. So wurden wir damals frisiert
54. Dem Täter auf der Spur
55. Die Vortäuschung einer falschen Tatsache
56. "Gespensterklopfen"
57. Wenn auch die Jahre vergehen, bleibt doch die Erinnerung wach!
58. Beim Angeln tranken wir „Kellergeister – Gold“
59. So klein ist die Welt: Zwei Neefer treffen sich in Nassau auf den Bahamas
60. Weshalb wir gegen die Fußball-Mannschaft von Lötzbeuren doch noch klar verloren
61. Wie mein Rabe Jakob dem Lehrer Höhnen in’s Klavier schiss
62. Und so bildete sich der Flötenchor „Klingson“
63. Mit der Lore nach Bullay ins Kino
64. Der perfekte Esel
65. Ein misslungener kultureller Beitrag in der Zeit nach dem Krieg
66. Die Fährbude
67. Sondermüll-Entsorgung anno dazumal
68. Der pflichtbewusste Feuerwehrmann
69. Die Strafe für das Rauchen und wie ich diese leicht verbüßte
70. Das Neefer Moselhöhenstadion
71. Über die Wolllust der Neefer Grafenfrau
72. Na und?
73. Weshalb es auf der Bahnstrecke so viele Pflaumen-Bäume gibt
74. Bei „Großer Gott wir loben dich ....“ ging mir fast die Puste aus
75. Wie der Hermann Josef Holzknecht doch noch ein brauchbarer Flötist wurde
76. Weshalb es im Jahr 1947 erstmals auf der Neefer Kirmes bei Kastner’s keinen „Quetsche-Kooche“ gab
77. Dumm gelaufen
78. Was Brombeermarmelade nicht alles bewirken kann
79. Eine andere Möglichkeit, um nicht an die Front zu kommen
80. Weshalb es auf dem Neefer Straßenweinfest den Wildschweinebraten gibt
81. Das Schlitzohr Carl Josef Kreuter
82. Wer Fluppes trinkt und Stumpen raucht, dem wird gar übel in dem Bauch!
83. Die „Schwarzschlachterei“ nach dem Krieg
84. „Herr Lehrer, der Ofen dülkt!“
85. Wie wir mit einer "Wunderwaffe" die Aldegunder angreifen wollten
86. Die „Napoleonfreunde“
87. Eine traurige Weihnacht
88. So hatte sich der Mathias Josef Schenk das nicht vorgestellt!
89. Eine Behandlung durch die „Berje Trot“
90. So wurde ich ein Neefer
91. Warum der „Herr Professor“ so plötzlich nach Hause wollte
92. „Hungersteine“
93. „Das schönste Kriegerfest, was es in Neef je gab“
94. Nun denn einmal „bon appétit Monsieur’s“
95. Da wurde unserem Lehrer Angst und Bange!
96. Oui joi joui ! - das hätte auch schief gehen können!
97. Der Kolonialwaren- und Samenhändler Jakob Löscher
98. Das Neefer Osterfeuer anno 1949
99. Die frühere "Klennerei"
100. Da mussten doch die Neefer auf der Kirmes den „Fluppes“ trinken
 
 
 
 
 
 
 
 
   
Neefer Wind

Der Ort Neef hatte in früheren Zeiten die zweit meisten Weinberge an der Mosel – gemessen an der Einwohnerzahl. Den Neefer Bürgern ging es finanziell recht gut.

Wenn nun die Neefer dem Nachbarort einen Kirmesbesuch abstatteten, putzten sie sich arg heraus. Die Frauen gingen vorher zum Friseur, trugen schöne zumeist neue Kleider und schicke große Hüte - Männer erschienen mit eleganten Anzügen. Man hatte ja schließlich das Geld zu diesem Aufputz, was man auch so zeigen wollte. Die Bürger aus den Nachbarorten beobachteten diese Aufführung mit Neid und Häme. So meinten sie spöttisch zu dieser Aufführung, das sei der Neefer Wind.

Anmerkung des Autoren: Was in der Chronik berichtet wird entspricht den Tatsachen und ist belegt – das ist kein Neefer Wind!

 
   
So streng waren hier die Bräuche

Neun Neefer Junggesellen verfassten folgendes Manifest:

„ Am 13. September des Jahres 1958 n. Chr., in der Zeit als Leonhard Arenz Ortsbürgermeister von Neef, Dr. Keller Landrat des Kreises Zell, Peter Altmayer Präsident des Landes Rheinland-Pfalz, Dr. Konrad Adenauer Bundeskanzler, Prof. Dr. Theod. Heuss Bundespräsident der Bundesrepublik ist, gebe ich folgendes bekannt:

Ich, ehrbarer und keuscher Jüngling, entsprossen im Jahre des Friedens 1938, frei von weiblichen Einflüssen, unangetastet von falschen Begierden und Gelüsten, schwöre beim Barte des Propheten, dass ich auch fernerhin ein freier Mensch bleibe und dem schwachen Geschlecht widersagen will. Ich bin als Mann, die Krone der Schöpfung, geboren – als Mann möchte ich auch sterben. Möge Gott Amor mich mit seinem tugendlosen Treiben verschonen.

Sollte jedoch wider Erwarten meine männliche Willenskraft von einem weiblichen Wesen geschwächt werden und ich meinen Schwur nicht halte, so will ich für diese Schmach die gerechte Strafe erhalten.

Ich verspreche hiermit unwiderruflich, hoch und feierlich, dass ich, falls ich mich mit einem Weibe ehelichen lasse, alle meine unten aufgeführten Freunde an einem Abend in der Gaststätte Schmitz einlade. In dieser Gastwirtschaft erlaube ich jedem meiner eingeladenen Freunde für mindestens 5 DM (in Worten: fünf Deutsche Mark) in alkoholischen Getränken zu verzehren – welche Art von Getränken zu sich genommen wird, stelle ich einem jeden frei. Die Rechnung, die mindestens 40 DM betragen muss, werde ich begleichen. Die Mindestsumme von 40 DM darf nicht unterschritten werden. Fall sie jedoch überschritten wird, liegt es an mir, den Mehrbetrag zu zahlen oder nicht. Der genannte Abend soll innerhalb von einem Monat unter Ausschluss von weiblichen Wesen vor meiner Hochzeit stattfinden. Den genauen Termin kann ich bestimmen. Sollte mich jedoch das große Unglück treffen, dass ich als erster ein Weib zu mir nehme, so will ich eine noch härtere Strafe erhalten. Ich will in diesem Falle den Mindestbetrag um das Doppelte erhöhen.

Möge die Göttin der Gerechtigkeit, Justitia, mit Wohlgefallen auf meinen Entschluss hernieder schauen und an ihm keinen Tadel finden.“

Unterschriften von:
Heinz Werner Kreuter
Werner Nelius
Erich Markert
Arnold Supplieth
Rudi Bremm
Reinhold Schilken
Franz Josef Blümling
Hermann Josef Holzknecht
Franz Josef Kaufmann

Diese Urkunde wurde in einem Safe bei der Bank verwahrt und bei Bedarf entnommen. Eduard Rink war der auserkorene Zermonienmeister. Er trug die Schrift voran auf einem roten Samtkissen wenn sich die Verschworenen bei Einbruch der Dunkelheit zum Schwachgewordenen hin bewegten. Dort wurde dann die Urkunde öffentlich verlesen. Der Delinquent bekannte sich für schuldig und wurde zum Gasthaus Schmitz geführt, wo er die gerechte Strafe zu verbüßen hatte.

P.S. Ein Schoppen Wein ( ¼ Ltr.) kostete zu jener Zeit 0,40 DM

 
 
 
 
   
Von der besoffenen Sau

Herr Alois Bremm war dabei, den Schweinestall zu misten und ließ deshalb der Sau im Hof freien Lauf. Diese schnüffelte überall neugierig herum und fand in der Scheune ein kleines mit Wein gefülltes Fass. Es war der Hauswein, den Alois in einen Krug abfüllte, wenn er in den Weinberg ging. Das Schwein schnupperte so am Spundpfropfen des Fässchens herum, dass sich dieser löste und der Wein ausströmte. Das Tier bekam Geschmack an dem Wein und soff so viel davon, dass es ziemlich schnell besoffen war und sich mitten auf den Hof hinlegte und die Welt mit großen Augen anstarrte. Laufen konnte es nicht mehr.

Alois sah dies mit Schrecken und vermutete, die Sau hätte eine schlimme Krankheit. Eine Notschlachtung stand an. Sofort rief er den Hausschlachter, der das Vieh auch umgehend zur Strecke brachte.

Sehr verärgert sah Alois später, weshalb die Sau sich so merkwürdig verhielt. Die Schlachtung des Schweins war eigentlich nicht notwendig und auch noch längst nicht angesagt.

 
   
„In die Haus .... !„

„Die Amerikaner kommen!“ Immer deutlicher hörten wir das Rasseln der Panzerketten. Keiner durfte sich mehr auf der Straße aufhalten. Vorsichtshalber flüchteten die Leute in die Keller – nur unser Nachbar Alois Buschbaum nicht. Er war wohl ein mutiger Mann und hatte sich nichts vorzuwerfen. Auch er hielt Hitler für verrückt und sehnte sich die Befreier herbei. So setzte er sich vor sein Haus auf einen Stuhl und wartete ab, was da kommen mag. Die Amerikaner kamen - in Zweierreihen - mit entsicherten Gewehren im Anschlag - mitten drinnen die Panzer. Als sie Alois so furchtlos da sitzen sahen, trauten sie ihren Augen nicht und schrieen „in die Haus – in die Haus!“ dabei ballerten sie drauf los - schossen allerdings bewusst an Alois vorbei. Dieser nahm in größter Not seinen Stuhl und raste in gebückter Haltung die Gasse hoch, rechts und links von ihm sprühten die Funken von den Geschossen bis er sich endlich sturzartig „in (sein) die Haus“ rettete.

 
   
Meine erste Tafel Schokolade

Ich war zwar auch nicht in den Keller geflüchtet, hatte mich aber hinter einem Stapel Bohnenstangen im Hof gut versteckt. Doch das Schauspiel um Onkel Alois hatte mich etwas aus meinem Versteck rausgelockt. Und schon sah mich ein Amerikaner, der auf einem Panzer saß. Es war ein Neger. Noch nie im Leben hatte ich einen Neger gesehen – außer der kleinen Negerfigur, die Weihnachten vor der Krippe in der Kirche stand, und die immer mit dem Kopf nickte, wenn man in sie etwas Geld einwarf. Der Neger der seitwärts auf dem Panzer saß lachte mir zu, stieg ab und gab mir eine Tafel Schokolade. Es war die erste Schokolade die ich sah. Weil sie so schwarz war, fand ich einen direkten Zusammenhang zum Neger. Mit der „Neger-Schokolade“ lief ich stolz zu den Leuten in den Keller und erzählte auch, was sich um den Onkel Alois zugetragen hatte.

 
   
Ottmar rettete eine „Madenschmeer“

Nachbar Ottmar, er war etwas älter als ich, wollte auch mutig gewesen sein. Er stand angeblich auf der Straße, als die Amerikaner kamen und aß, wie er erzählte, gerade eine „Madenschmeer“ (Brotscheibe mit Magerquark). Und der Amerikaner soll zu ihm gesagt haben “Boy, ich dir nichts tue, du sein ein armes Kind, du essen eine Madenschmeer.“ Ottmar wollte sich wohl wichtig tun und alle lachten über seinen Bericht.

Nachweis: Aus den Erinnerungen und eigenen Erlebnissen des Autoren

 
   
Wie ein Dreckschwein
vor dem Ersäufen gerettet wurde

Folgende wahre Geschichte spielte sich im Jahre 1963 ab:

Es war an einem sehr heißen und schwülen Tag. Sehr lange hatte es nicht mehr geregnet. Drei Neefer Jungwinzer saßen in der Gastwirtschaft vom August Boos und erfreuten sich ihres Lebens. Man war mit Gott und der Welt zufrieden. Doch plötzlich, so gegen Abend, zog ein starkes Gewitter auf. Sintflutartiger Regen ergoss sich über Neef. Es goss wie aus Kübeln. Da es schon so lange nicht mehr geregnet hatte, sagte einer der Dreien scherzhaft: „Da draußen regnet es Goldstücke.“ Auf der Kehr löste der starke Regen eine gewaltige Schlammlawine aus. Die Erdmassen ergossen sich über die Bahnstrecke hin zu dem Ortsteil Reiz. Von all diesem bekamen jedoch die drei Zecher nichts mit. Man scherzte weiter. Doch dann wurden sie jäh aus der Gemütlichkeit gerissen. Die Eingangstür sprang ruckartig auf und die Frau eines Zechers stürzte in die Gastwirtschaft und schrie: „Hans, komm schnell nach Hause, das Schwein ersäuft uns!“ Hans war entsetzt und lief raus. Auch Gerhard und Kurt sprangen auf und liefen mit Hans zu dessen Anwesen in der Reiz. Da man schon gut „getankt“ hatte, fiel man mehrmals hin, was jedoch das Ziel nicht verfehlen ließ. Beim Hans zu Hause angekommen, kämpfte man sich gemeinsam durch den Schlamm hin zum Schweinestall. Kniehoch stand der zähe Schlamm im Stall. Da war es! – das total verdreckte Schwein. Es schwamm im Stall und kämpfte um sein Leben. Gemeinsam schnappte man das verängstigte Tier und zog es aus dem Matsch. So wurde es gerettet. Abgewaschen und abgetrocknet brachte man das nunmehr pikfeine Schwein in einen sauberen Raum. Doch die drei Helfer sahen nunmehr so aus wie das Schwein vorher – jeder wie ein Dreckschwein – dreckig bis zum Halse. Darüber konnte man herzhaft lachen und die Rettung der Sau wurde nunmehr natürlich kräftig begossen.

Übrigens: Oberhalb des Hauses von Hans steckte an der Bahnstrecke ein Zug noch mehrere Stunden im Schlamm fest.

Nachweis: Aus den Erinnerungen von Kurt Bergen, Neef

 
   
Und noch ein Stückelchen
von einem Schwein

Die Familie Wagner hatte zur Kirchstraße hin einen kleinen Anbau, in dem sich ein Schweinestall befand. An der Türe zum Stall war oben eine Luke. Aus dieser schaute das Schwein recht oft hinaus, als wolle es draußen beobachten, was die Menschen so alles tun. Es hatte sich also auf seine Hinterbeine aufgestellt, und stützte sich mit den Vorderläufen auf der oberen Türkante ab. Dies ergab ein recht lustiges Bild, und alle Leute, die vorbeikamen, erfreuten sich daran, und nicht selten hatten sie auch ein paar nette Worte für das neugierige Schwein übrig.

Mein Freund Werner und ich waren auf dem Weg zur Kirche. Wir hatten als Ministranten dort in der sonntäglichen Nachmittags-Andacht zu dienen. Als wir das Schwein so in seiner Gewohnheit sahen, kamen wir auf eine Idee, und zwar stellten wir uns vor, wie lustig es wäre, wenn das Schwein einen Hut aufhätte. Schon bei dieser Vorstellung mussten wir herzhaft lachen. Gedacht – getan! Ich lief nach Hause und holte von Vater den erstbesten Hut. Durch den machte ich auf jeder Seite ein Loch und befestigte darin ein Gummiband, das ich in Mutters Nähkorb fand. Und nun hin zum Schwein! Dieses ließ sich auch ohne weiteres den Hut aufsetzen und das Gummiband überziehen. Der Erfolg war riesig! Ein Bild zum kaputtlachen! Die Leute krümmten sich förmlich vor Vergnügen. Das Schwein schüttelte den Hut auch nicht ab. Wenn es einmal kurz in seinem Stall untertauchte, trat es prompt mit dem Hut kurze Zeit später wieder auf. Das Gaudi war nicht zu übertreffen. Leute, die auf dem Weg zur Andacht waren, hatten noch in der Kirche das Bild vom Schwein mit Hut vor Augen und konnten offenbar nicht zu der gebührenden Andacht kommen – wie Werner und ich das so beobachten konnten.

Das Schwein allerdings hat seine Vorstellung damit beendet, in dem es den Hut samt Gummiband einfach aufgefressen hat. Und was geschah nun? Das Schwein bekam eine schlimme Magenverstimmung und musste geschlachtet werden. Und was entdeckte der Schlachter im Magen? Vaters Hut mit Gummiband!

Wir hatten zwar die Leute amüsiert, aber Werner und ich mussten die Folgen noch reichlich austragen. Schließlich war die Schlachtung der Wutz noch längst nicht vorgesehen und Vater fehlte der Hut, der nicht sein schlechtester gewesen sein soll.

Jugenderinnerung von Franz Josef Blümling

 
   
„ ... und wenn du nicht den Teller leer isst,
dann geht es dir wie dem Stubener Hund!“

... so ermahnten die Eltern ihr Kind, wenn diesem das Essen nicht schmeckte und es verschmähte. Der Ausspruch hatte folgenden Hintergrund:

In Neef lebte eine Familie mit einem großen Hund, welcher plötzlich nicht mehr so richtig fressen wollte. Ein Knecht, der im Kloster Stuben beschäftigt war, beobachtete dies und machte den Vorschlag, ihm doch einmal den Hund zu überlassen. Er wollte dem Hund das Fressen schon wieder beibringen. Die Familie willigte ein.

Der Knecht nahm den Hund mit zu seiner Arbeitsstätte im Kloster. Dieses hatte schon bessere Zeiten erlebt. Die Pilger kamen nicht mehr so häufig und die Meisterin konnte überhaupt nicht wirtschaften. 38 Nonnen aßen, wie man es so ausdrückt, förmlich „den Kitt von den Fenstern“. Sie lebten in größter Armut. Und nun soll auch noch ein Hund zusätzlich beköstigt werden? Das ging nicht! Der Hund suchte und suchte nach Essbarem und fand nichts. Er drohte zu verhungern. Nach einigen Tagen nahm ihn der Knecht wieder mit nach Neef. Dort fraß er nun alles, was er vorgesetzt bekam – ja, er soll sogar rohe Äpfel verzehrt haben.

Überliefert von Kurt Bergen, Neef

 
   
Da hatte der „Mils-Alfons“ mit dem
„Bartels-Häns“ noch ein „Hühnchen zu rupfen“

Hans Braun, genannt „Bartels Häns“ (sein Vater hieß Bartholomäus), war ein origineller und lustiger Mann, der ganz schön austeilen konnte – aber auch demzufolge einstecken musste. Er hatte einmal einen Weinbergs-Pickel anzuspitzen. So fragte er Alfons Kreuter (in Neef der „Mils-Alfons“, oder auch kurz „Mils“ genannt), der in seinem Schuppen eine Schmiede stehen hatte, ob er das für ihn machen wollte. Alfons war einverstanden und nahm den stumpfen Pickel in Empfang. Er hatte jedoch mit dem Häns noch ein „Hühnchen zu rupfen“. So schweißte er auf den vorhandenen Pickelstumpf noch ein weiteres Teil drauf, so dass der Pickel fast so groß war wie Häns selbst. Dieser war nicht sonderlich groß. Alfons stellte Häns den bearbeiteten Pickel vor seine Haustür und verschwand. Häns hatte Spätschicht auf einer Baustelle.

Es war schon spät und ziemlich dunkel. Alfons saß gemütlich in seinem Zimmer. Plötzlich kam ein Traktor angefahren, ruckartig wurde gebremst, laut fluchend stieg jemand ab, und dann gab es ein krachen – ein Pickel flog durch die enge Gasse - Funken sprühten – das Hoftor klapperte - dann ein Schrei: „Mils - du bist ein riesengroßes Arschloch!“

Erzählt von Alfons Kreuter, Neef

Schweißexperte Alfons Kreuter
   
Über die Brüste der Frauen in Algerien

Der „Nanne-Peter“ unterhielt in Neef eine Schmiede. In früheren Jahren diente er in der Fremdenlegion. Wenn er so auf dem Amboss glühende Eisen schmiedete, war es in seiner Werkstatt gemütlich warm. Darum hatte er, zumal in der kalten Jahreszeit immer wieder Besucher, was er auch zu schätzen wusste. Er erzählte gerne und sehr emotional Geschichten aus seiner Vergangenheit in Afrika. Leidenschaftlich schilderte er einmal die rassigen Frauen in Algerien. „Sie hatten eine Haut so dunkel wie Ebenholz - waren schlank wie Gazellen – bewegten sich wie Tänzerinnen - feurige Augen funkelten – Zähne weiß wie Elfenbein – und Brüste so groß wie Kürbisse“. Zuhörer Nikolaus Breyer, der als Zimmermann "auf der Walz" gewesen war, und sich überall auskannte, berichtete: „Es gibt aber auch Frauen dort, die haben Brüste so klein wie Kragenknöpfe!

Überliefert von Bernhard Nelius, Neef

Peter Schmitz, genannt der "Nanne Peter"
   
„Bitte, bitte, nicht noch einmal
den Sarg auf den Kopf stellen!“

In Neef lebte ein Mann, nennen wir ihn Pitter, recht und schlecht mit seiner Frau zusammen. Mehr als sein Weib liebte er den Ort und die Kneipe. Eines Tages sagte er zu seinen Zechkumpanen: „Meine Zeit scheint mir abgelaufen zu sein – ihr werdet es erfahren. Und wenn ihr mich zum Petersberg hoch zu Grabe traget, dann stellt doch bitte auf der letzten Kehre des Toten-Weges den Sarg hoch und lasst mich Abschied nehmen von meinem geliebten Neef.“ Pitter starb tatsächlich bald und seine Freunde erfüllten ihm den letzten Wunsch. Doch kaum hatte man den Sarg hochgestellt, da rumpelte es in diesem. Pitter war scheintot gewesen und erwachte wieder zum Leben. Als er einige Zeit später wieder verstarb, meldete sich sofort seine Frau bei den Sargträgern, den Freunden von Pitter: „Und dass ihr aber diesmal den Sarg nicht mehr auf der letzten Kehre aufstellt!“

Erzählt von Thea Nelius, Neef, die dieses Stückelchen von ihren Altvorderen so überliefert bekommen hat

 
   
Warum die Angler plötzlich in Panik gerieten

Es geschah im Jahr 1959. Ich war der erste gezogene Bundeswehrsoldat in Neef und bekam Urlaub, um in der Weinlese zu helfen. Wie üblich gab es den sogenannten „Gritches-Ball“. Dies war eine Tanzveranstaltung besonders für die „Gritcher“ (Gretelcher) – für die Weinlesehelferinnen, die zumeist aus Eifel und Hunsrück angereist waren. Da war ich natürlich auch zugegen – und zwar mit Uniform, weil ich wusste, dass die bei Mädels Eindruck erweckt. Prompt lernte ich auch ein „Gritchen“ kennen, und mit ihr ging ich nach dem Ball frühmorgens auf der „Hauster“, ein Wiesen- und Gartenland am Moselufer, spazieren.

In der Frühe angelte man die meisten Fische und so waren einige Angler am fischen. Mir fiel auf, dass diese, die damals fast alle keine Erlaubnis hatten, plötzlich unruhig wurden. Sie riefen einander Worte zu, die ich nicht verstand. Es entstand offenbar eine Panik. Sie warfen die Angelschnur wieder ins Wasser, schmissen ihre Angelrute ins hohe Gras, liefen den steilen Weinberg hoch oder rannten in Richtung Kloster Stuben. Das alles war mir rätselhaft. Erst am anderen Tag erfuhr ich: Der Schreiber (unser Dorf-Polizist) war unterwegs und wollte alle Schwarzangler verhaften! Alle entkamen! Was hatten wir ein Riesenglück!

Da hatte man doch einen Bundeswehrsoldaten mit unserem Polizisten Schreiber verwechselt!

Eigenes Erlebnis von Franz Josef Blümling

Funker (und kein Polizist) F.J. Blümling
   
Dem Alois seine Schmerzen im „Schwelles“

Übermüdet ging Alois an diesem Abend ins Bett und freute sich auf eine erholsame Nachtruhe. Aber wie sollte es anders kommen?!

Katharina, seine Frau, war schon am eingeschlafen, als Alois auch ins Bett kam. Ihn plagten starke Kopfschmerzen. „Einmal müssen sie doch aufhören“, sprach er so vor sich hin. „Habe doch wie jeden Abend meine Medikamente genommen!“ Doch die Kopfschmerzen wurden immer schlimmer. Da musste was passieren! „Katharina, wo ist die Schwelles-Salbe?“ Alois nannte seinen Kopf immer „Schwelles. „Die ist im Flur-Schränkchen!“ Um seine Frau nicht weiter zu stören, machte er kein Licht an, ging zum Flur und griff in die Schublade des erstbesten Schränkchens. Er hatte auch gleich die gesuchte Dose mit der Salbe – wie er meinte - , die er sich umgehend auf seinem „Schwelles“ intensiv einschmierte. Alois legte sich wieder hin. Aber nichts geschah – keine Besserung! „Katharina, die Salbe hilft nichts!“ „Mach doch mal das Licht an!“ entgegnete diese mürrisch. Alois tat es. „Ach du lieber Gott! - Was hast du denn gemacht? – Wie siehst du denn aus?“ schrie die entsetzte Ehefrau. Alois war im Gesicht schwarz wie ein Neger. Und wie sah die Bettwäsche aus?! Alois hatte das falsche Schränkchen erwischt. Es war das Schuhputzschränkchen und anstatt der „Schwelles-Salbe“ schmierte er sich mit schwarzer Schuhcreme ein.

Wie es nun in dieser Nacht weiter gegangen ist, weiß man nicht so genau. Er soll längere Zeit „stille Messe“ gehabt haben. „Stille Messe“ nannte man eine Situation unter Eheleuten, wenn miteinander wegen irgend eines Vorganges nicht mehr gesprochen wurde und allgemeine Stille herrschte – angelehnt an die sonntägliche Frühmesse, wenn der Pfarrer nicht predigte, die Orgel nicht spielte und weder laut gebetet noch gesungen wurde.

Erzählt von Kurt Bergen, Neef

Wenn Alois keine Kopfschmerzen hatte, war er ein fröhlicher Mensch
   
„Man muss sich nur zu helfen wissen!“

Ein besonderes „High-light“ für die Neefer und auch für die Nachbargemeinden war es in den 50er und 60er Jahren gewesen, sonntags ins Cochemer Kino zu fahren. Dort liefen die rührendsten, dramatischsten und spannendsten Heimatfilme, wie z. B. „Der Förster vom Silberwald“, „Wo der Wildbach rauscht“, „Die Sennerin von St. Kathrein“ ect., ect.

Auch „Die Geier-Walli“ versprach ein Hit zu sein. So war der Kinosaal brechend voll. Und alle waren begeistert. Die „Neefer Gang“ war noch tief beeindruckt, als sie sich entschloss, noch einen Schoppen zu trinken. Es wurden allerdings mehrere Schoppen. Man war schon ganz schön „tippsi“ und in bester Laune als man entschloss, aufzubrechen, um noch rechtzeitig zum Zug zu kommen.

Am Bahnhof stand eine große Menge Leute: Bremmer, Aldegunder, Ellerer und Etscherer (Leute aus Ediger) – fast alle waren auch Kinobesucher. Es war vorauszusehen, dass nicht jeder einen Sitzplatz im Zug bekommen würden. Dies erkannte auch „Härmi“ so. „Das krieg’ ich geregelt“ – sagte er.

Jener Hermann war ein ausgesprochenes Schlitzohr. Der Zug kam angefahren. „Härmi“ ging schnurstracks mit schnellem Schritt in den letzten Wagen des Zuges und rief laut und sehr selbstbewusst: „Wegen Betriebsstörung wird dieser Wagen abgehängt – bitte sofort in die vorderen Wagen umsteigen – der Zug fährt bald witer!“ Schon fast panikartig stürzten die Leute aus dem hinteren Wagen und stiegen in die vorderen ein. Den Neefern sagte er in einem leiseren Ton: „Die Herrschaften von Neef bitte hier einsteigen.“ Dabei hielt er die Tür offen und bat, doch bitte Platz zu nehmen.

Die anderen Mitreisenden reagierten unterschiedlich. Einige waren sprachlos – viele schimpften – andere lachten. Es entstand ein großer aber kurzer Tumult. Der Schaffner war in diesem Moment überfordert und ließ erst einmal den Zug abfahren. Dann schimpfte er mit der gesamten Neefer Mannschaft – konnte jedoch ein Grinsen nicht verheimlichen. So etwas hatte er noch nicht erlebt.

Es gab keine Anzeige und auch kein Protokoll. Offenbar hatte der Zugschaffner Humor. Und die „Neef-Konnexion“ hatte neben der „Geier-Walli“ noch einen zweiten Tageshöhepunkt: die Heimfahrt mit der Bahn von Cochem nach Neef in einem „Sonderwagen“ und bei bester Laune.

Diese Geschichte wurde von Kurt Bergen, Neef, eingereicht.

 
   
Der rettende Tisch

Der Müllen Fritz war ein sehr angenehmer und besonders lustiger Mann. Deshalb nannte man ihn in Neef allgemein und voll Sympathie den „Onkel Fritz“.

Es war an einem Samstagabend – ich weiß es noch ganz genau. „Onkel Fritz“ saß genüsslich auf seinem Plumpsklo und verrichtete in aller Ruhe sein Geschäft. Seine Jacke hing an der etwas offen stehenden Tür. Das sah Hermann, „Härmi“ genannt – ein Bursche voller Schalk und Tatendrang. „Den mach' ich nass – egal wer drinnen sitzt!“ Eine Waschbütte voller Wasser, die direkt neben dem Donnerhäuschen stand, mag ihn zu diesem Streich animiert haben.

Mit flacher Hand schöpfte der Schelm nun eifrig Wasser durch den ca. 30 cm großen Spalt in das Häuschen. Fritz blieb eine Weile ruhig. Um so eifriger setzte Hermann seine Wassergüsse fort. Aber dann platzte Fritz der Kragen: In Windeseile zog er halbwegs seine Hose an, die Hosenträger hingen noch runter, und rannte mit einem Stückbeil* bewaffnet dem Übeltäter nach. „Ich schlag’ dich kaputt“ – hörte Hermann ihn rufen und hatte furchtbare Angst. Er rannte um sein Leben und stürzte schließlich in das Gasthaus Markert in der Fährstrasse hinein. „Helft mir! Er bringt mich um – er bringt mich um!“ – rief er den dort sitzenden Gästen mit zitternder Stimme zu. Hedwig und Johanna saßen an einem Tisch und mögen gerade von früheren Zeiten geredet haben. Von der großen Not des „Härmi“ tief beeindruckt (Sie wussten ja nicht, was vorgefallen war), riefen sie ihm zu: „Komm versteck’ dich unter den Tisch!“ Hermann kroch flugs darunter. Die Frauen richteten noch schnell die Tischdecke zurecht. Und schon wurde die Türe aufgerissen: „Wo ist der Lump? – seine Tage sind gezählt!“ Totenstille in der Gastwirtschaft. Das Beil in der Hand, mit knallrotem Kopf und stechenden Augen schaute sich Fritz um. Er war nicht da! Unterm Tisch saß „Härmi“. Das Blut stockte ihm in den Adern. Dann griff Hanna in das Geschehen ein und sagte: „Fritz, der ist gerade durch die Hintertüre raus gelaufen zum Hof hin. Fritz kannte kein Halten mehr und stürmte die Hintertüre hinaus. Währenddessen kroch Hermann unter dem Tisch hervor und verließ fluchtartig sein schützendes Versteck durch die Vorderseite. Er war gerettet!

„Härmi“ bedankte sich einen Tag später bei Hanna für die Lebensrettung und soll für eine längere Zeit keinen Streich mehr begangen haben. Und „Onkel Fritz“ hatte sich, nachdem er über den Vorfall einige Nächte geschlafen hatte, beruhigt. Schließlich hatte auch er in seiner Jugendzeit viele Streiche gemacht – wie man sich das so erzählte.

* Mit dem Stückbeil wurden die Weinbergspfähle in die Erde geschlagen

Erzählt von Johanna Bergen

 
   
Das war nun auch kein
freundlicher Akt von „Onkel Fritz“!

Dem Härmi hatte „Onkel Fritz“ gerade erst für seine Untat verzeihen, als sich folgendes zutraf: Der „Schuster-Ludwig“ (Schuster von Neef) ging im besten Anzug zum sonntäglichen Hochamt in die Kirche. Fritz war auf seinem Speicher und sortierte das Obst, das dort gelagert war. Er sah den Ludwig und rief ihm zu: „Willst du eine gute Birne haben – schmeckt hervorragend – so eine gute hast du noch nie gegessen!“ „Sehr gerne!“ rief Ludwig zurück. Fritz nahm eine total verfaulte und schwappelige Birne und warf sie, hoch vom Dachfenster aus, Ludwig zu. Der fing sie auf und batsch: Nicht nur die Hände waren voll mit verfaulter Birnenmatsche, auch der sonntägliche Anzug war von oben bis unten voll gespritzt. „Dir flick’ ich im Leben keine Schuhe mehr!“ rief Ludwig und eilte nach Hause, um sich umzuziehen. Und Fritzens Lache erschallte durch den ganzen „Neugarten“, wo sich dies Geschehen abwickelte.

Erzählt von Johanna Bergen

 
   
Es gibt viel zu tun
– irgendwann packen wir es an!

„Mensch Alois, man hat mir gesagt, unser Kartoffelfeld auf der Hiecht (Höhe) müsste unbedingt einmal zwischen den einzelnen Pflanzzeilen gejätet werden. Das Unkraut wuchere recht start“ – sagte Katharina zu ihrem Mann. „Geh’ schau doch einmal nach, ob es wirklich nötig ist!“ Am nächsten Morgen machte sich Alois lustlos auf. Hacke und Krautschaber nahm er vorsichtshalber schon einmal mit. Mühselig stieg er den steilen und schmalen Pfad zur Höhe, was seine Lust auf Arbeit an diesem Tag nicht steigerte. Und tatsächlich, der Kartoffelacker war so mit Unkraut überwuchert, dass man die Kartoffelpflanzen kaum noch erkennen konnte. Das hatte Alois so nicht so erwartet. „Da weiß man ja nicht, wo man anfangen soll“. So nahm er Hacke und Schaber wieder auf den Buckel und stampfte mit schlechter Laune nach Hause, wo er die Geräte in eine Ecke schmiss. „Alois, warum bist du schon wieder da?“ Darauf Alois: „O je, Frau, do oben sieht es ganz schlimm aus. Machst dir keine Vorstellung! Das ganze Feld ist überwuchert mit Unkraut! Da müssen wir unbedingt hin“ – sagte es, legte sich aufs Kanapee und ließ den Arbeitstag vorzeitig in Ruhe ausklingen.

Erzählt von Raimund Treis, Neef

Es gibt viel zu tun – irgendwann packen wir es an!
   
„Ich wollen zu Herberge(n)“

Wie üblich, hatte in den 50er Jahren auch Neef eine Unterkunft für Umherziehende und Obdachlose. Dazu hatte man ein spezielles Häuschen gebaut, zu dem der Bürgermeister den Schlüssel hatte. Den verlieh er, wenn er sich die Leute zuvor angeschaut hatte und sie so gut es ging belehrte – dass also z. B. Ordnung und Sauberkeit im angemessenen Rahmen einzuhalten ist.

So gab also Bürgermeister Leonhard Arenz einem Tippelbruder, der einen ausländischen Akzent sprach, den gewünschten Schlüssel und sagte zu ihm, dass er nun zur Herberge gehen kann. Dieser fand jedoch die ihm zugewiesene Unterkunft nicht und fragte ein Kind, wie er sie wohl finden kann – wo sie sich befindet.

Nun war in Neef der Herr Alois Bergen eine sehr bekannte Person. Er leitete nämlich die Post. Jeder kannte ihn. So deutete das Kind die Frage nicht nach der Herberge, sondern nach Herr Bergen – Her berge. Dementsprechend wurde der heimatlosen Geselle zur Poststelle geschickt. Dort rückte er mit seinem „Haushalt“ an. Der „Transportwagen“, ein Kinderwagen älteren Baujahres, hatte er schon vor der Poststelle geparkt. Nun wollte er das Zimmer zugewiesen haben. „Damit habe ich nichts zu tun“ lachte Alois. „Ich bin Herr Bergen, und die Herberge liegt am Anfang des Ortes.“ „Ingrid, (ich war die Tochter von Alois) geh’ doch mit dem armen Kerl einmal mit und zeige ihm seine Herberge“ - was auch so geschah, und alle Leute in Neef lachten über diesen lustigen Vorfall.

Erzählt von Ingrid Treis, geb. Bergen, Neef

Herr Bergen hatte keine Herberge
   
„Karl spring, do es en Kaul!“

so sagen ältere Neefer heute immer noch, wenn sich jemand unbedacht einer Kaule zuwendet und man annehmen kann, dass er hineinfällt. Und dieser Ausspruch hat folgenden Hintergrund:

Auf der Flur „Mittelberg“ hatten die Neefer ihre Kartoffelfelder. Diese Lage ist weit entfernt vom Ort und umrandet von Wäldern. Demzufolge hausten dort die Wildschweine recht krass und richteten besonders in der Nacht solchen Schaden an, dass oft die komplette Kartoffelernte vernichtet wurde. Was war zu tun?

Bei Anbruch der Dunkelheit gingen einige Männern auf den Berg und machten die ganze Nacht über Krach. Sie schlugen mit Stöcken auf alte Kochtöpfe oder sonstigem blechernen Zeug und schrieen ab und zu irgend welche Laute in die Nacht hinein. Teilnehmer für diese „Schädlingsbekämpfung“ waren oft schwer zu finden. So fragte man denn auch einmal den Karl Justen, ob er dabei sein will.

Karl war fast blind und lebte allein in aller einfachsten Verhältnissen in einem kleinen Häuschen am Dorfeingang. Die Nachtsheim Klara schaute ab und zu vorbei, und regelte etwas den Haushalt. Sein einzigster und treuer Freund war ein Schäferhund – ein Blindenhund. Er haderte nicht so sehr mit seinem Schicksal und lachte sogar viel. Gerne erzählte er auch Stückelscher von früheren Zeiten, schimpfte auf die Politiker und hielt sich schon fast für allwissend. Er konnte aber auch recht deutlich kritisieren und hemmungslos seine Meinung sagen, worum mehr als einmal Konflikte entstanden, was ihn aber überhaupt nicht störte. Andererseits wurde er auch von Mitbürgern wegen seiner Blindheit bemitleidet. Man beschenkte ihn ab und zu, wie z. B. an Weihnachten, Ostern oder Kirchweih. Auch von Hausschlachtungen profitierte er. Dann brachten ihm die Leute eine Wurst, einen Henkeltopf voll mit Wurstsuppe oder auch ausgelassene Grieben. Alles in allem war der „Juste Karl“ ein voll akzeptiertes Neefer Original.

So war die Frage nach einer Teilnahme auf dem „Mittelberg“ für ihn ein Zeichen dafür, dass er zur Dorfgemeinschaft gehörte und willigte dementsprechend sofort ein. Man nahm ihn in die Mitte und auf ging’s zum Berg hin. Unterwegs schon machte er Vorschläge und wusste um das Verhalten der Wildschweine. Eigentlich hätte man doch bei Vollmond gehen oder auch Gewehre mitnehmen sollen. Messer, wie sie die Jäger haben, seien unentbehrlich. „Habt ihr auch genug „Fluppes“ (Haustrunk/einfacher Wein) dabei?“ „Sollten die Schweine angreifen, dann geht ruhig auf sie zu und starrt in ihre Augen, dann laufen sie weg!“ „Mein Großvater hat noch Wölfe gejagt, das war ein Kerl! Und mein Vater erst .... .“ „Ist genug Karl, ist genug!“ sagten die Kumpanen. Das Gelaber war man leid. Das nervte! Und um dem ein entgültiges Ende zu bereiten, sagte jemand: „Karl spring, do es en Kaul!“ Aber er stand vor einem Baum! Karl reagierte sofort und sprang aus dem Stand frontal und mit voller Wucht in eine massive Eiche. Sekunden hing er wie ein Klammeraffe am Stamm. Dann fiel er ins Moos und schrie „ verdammte Saubande – mögen euch doch die Keiler zerreißen und auffressen!“. Er blutete etwas an der Nase. Nun tat es den anderen Kempen doch etwas leid, was sie getan hatten. Ein Wort der Entschuldigung ging über ihre Lippen. Karl jedoch hatte sich schnell wieder gefangen. „Jetzt habt ihr euren Spaß gehabt. Wo ist der Krug? Den sauf’ ich auf der Stelle leer!“ Gesagt – getan. Und schon mussten alle wieder Karls Geschichten und Belehrungen anhören. Dieses mal hörten sie jedoch geduldig zu. Da hätten sie sich den Sprung gegen den Baum auch ersparen können. Ansonsten fing man nun an, Krach zu machen, wobei Karl dabei der Eifrigste war.

Erzählt von Jürgen Bremm

 
   
Scheid’s Spitz war spitz auf Bremm’s Bobby

Bremm’s Bobby war eine Hundedame im vorgerückten Alter. Sie war in der Gastwirtschaft „Zur Traube“ in der Reiz zu Hause. Bobby war eine gelungene Mischlingshündin, vielleicht etwas zu fett (- ekelhafte Neefer sagten ihr nach, dass sie ein Aussehen wie ein Rollbraten hätte - ) und hatte ein ruhiges Gemüt. Es ist nicht bekannt, dass sie schon jemanden gebissen hatte.

In der Fährstraße, bei der Familie Scheid, war Spitz ansässig – ein Rüde im besten Alter. Er war von edlem Geschlecht und konnte also einen Stammbaum nachweisen. Stolz thronte er zu Hause auf einem kleinen Kissen, dass Herrchen ihm liebevoll zurecht gemacht hatte. Auf bloßem Boden mochte er nicht sitzen, das war ihm scheinbar zu würdelos – oder auch zu unbequem.

Irgendwann hatten sich der Von und Zu Spitz und die Bürgerliche Bobby auf der Gasse kennen gelernt und fanden Gefallen aneinander. Es war also eine „Liebe auf den ersten Blick“.

Nun waren die Domizile der beiden Liebenden ziemlich weit von einander entfernt. Aber „das Wasser war nicht zu tief“! Spitz besuchte seine Angebetete dann fast täglich, wenn sie „läufig“ war. Er schnappte sich sein Kisschen, stolzierte die Fährstraße hoch, tändelte durch die Reiz, legte sein mitgebrachtes Utensil vor die Haustür des Gasthauses von Josef Bremm, setzte sich darauf, gab einen kurzen Bell-Laut von sich. Irgendwann kam dann Bobby angetappt. Als „Läufige“ hatte sie eigentlich Ausgangssperre. Aber Bobby kannte geheime Wege, um zum Liebsten zu kommen. Leidenschaftlich wurden nun Liebesspiele vollzogen, bis beide schwächelten. Dann nahm Spitz seinen Untersatz in die Schnauze, und schleppte sich abgeschafft mit hängenden Ohren nach seinem Zuhause in der Fährstraße. Er soll sich sogar zwischendurch auf sein Kissen gesetzt und ausgeruht haben.

Nachwuchs stellte sich nicht ein. Bobby war scheinbar dafür zu alt - oder gab es damals schon eine fortschrittliche Verhütungsmethode?

Als Bobby altersentsprechend ablebte, trauerte Spitz eine lange Zeit. Vereinzelt noch zog er mit seinem Kissen zu Bremm’s Haus und wartete vergebens auf seine große Liebe. Er soll bis zu seinem Tod nie mehr ein Verhältnis zu einer Hundedame gehabt haben.

Einreicher dieser Geschichte: Bernhard Kirch

 
   
Waidmannsheil erntete nicht Weidmannsdank

Fritz und Robert fuhren mit einem Kuhgespann über die Flur „Mittelberg“ und wollten Korn-Garben aufladen. Da sah Fritz in der Hecke ein Reh liegen, das nur noch schwach atmete. Waren seine Tage gezählt, weil es alt war? Oder war es krank? So hätte es die Tollwut oder auch Trichinen gehabt haben können. Er sprang auf das Tier und schnitt ihm die Kehle durch. Kurzerhand wurde es ausgenommen, auf die Karre gelegt und mit Stroh zugedeckt. Als Wilderer wollte man nicht in Erscheinung treten. Man muss bedenken, dass zu jener Zeit, es war in den 30er Jahren, eine große Armut herrschte. Rehbraten auf der häuslichen Speisekarte zu haben, war traumhaft. „Was wird sich Muttern freuen!“ – dachte Fritz.

Zu Hause mit der strohbeladenen Karre angekommen, fiel das Reh erst einmal durch eine Ungeschicklichkeit mitten auf die Strasse, sodass Nachbar Ewald aufmerksam wurde. Fritz nahm hastig das Schlachtgut an sich und schleppte es in aller Eile über die schmutzige Straße hinweg. Wildfrevel wurde hoch bestraft! Im Kelterraum hängte er dann das Reh an einem Deckennagel auf. Vorsichtshalber legte er dem geschlachteten Tier einen alten Mantel um. Der neugierige Ewald konnte ja einmal vorbeischauen und nachsehen, was da so merkwürdiges geschehen war.

Ewald kam nicht, jedoch Fritzens Frau kam in den Kelterraum und sah eine Gestalt da hängen. Und auf dem Zementboden sah sie eine Blutlache. „Um Gottes Willen! Da hängt ja mein Fritz! Er hat sich etwas angetan! Fritz, bin ich schuld? Ich war doch immer gut zu Dir!“ Und dann klärte sich das Missverständnis auf, was Roni so zornig machte, dass sie das geschlachtete Tier vom Haken riss und in die Mülltonne schmiss. „Nie und nimmer werde ich von diesem Fleisch essen!“ Fritz fand es dann mitten im Abfall, wusch es und gab der Nachbarin die Hälfte, weil: „Die Roni mag kein Reh, sie hat damit ein Problem“, sagte er kurz zu Johanna. Diese freute sich natürlich über dieses Geschenk, und auf dem Tisch der Familie Bergen gab es schon umgehend einen feinen Rehbraten.

Fritz legte seinen Anteil vom Reh erst einmal in Essig ein. So konnte er dort eine Zeit lang aufbewahrt bleiben. Später hat dann die Tochter den Braten hergerichtet, was ihr offensichtlich gut gelang, so dass sogar Roni etwas davon gegessen hat. Sie tat es allerdings auch Fritz zu Liebe, der es doch eigentlich nur gut gemeint hatte. Ihm hätte sogar für seine Fürsorge ein Dankeschön zugestanden!

Erzählt von Johanna Bergen

 
   
Na denn mal „Petri Heil!“

Es war in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Vieles war noch nicht geordnet. Die Franzosen hatten für Neef einen Polizisten eingesetzt, der für Ordnung sorgen sollte. Doch dieser, es war der Peter Bohne, hatte mit den Neefern seine Mühe. Zumal auch deshalb, weil er sich doch zu sehr mit den Franzosen hielt. Er soll sogar mit diesen öfters gefeiert haben. Und da ging es ziemlich rund – so die Meinung der Neefer. Der „Bohne Pitt“ war kein Kind von Traurigkeit und als Polizeibeamter nicht unbedingt eine Autorität in seinem Revier.

Der Schneid’s Matthes (Matthias Schneid) war einer der eifrigsten Angler in Neef. Zusammen mit seinem Hund saß er fast jeden Tag stundenlang an der Mosel und wartete auf ein Anglerglück. Einmal kam der „Bohne Pitt“ zu dem Angler Matthes. „Na, wie beißen die Fische?“ „Eigentlich ganz gut. Habe soeben ein Pracht-Exemplar geangelt.“ erwiderte Matthes. „Das freut mich. Nun zeigt doch mal deinen Angelschein.“ „Angelschein? Hm – der liegt zu Hause im Schrank. Nächstes Mal habe ich ihn dabei – ganz bestimmt.“ „Matthes, dann geh’ einmal schnell nach Hause und bringe ihn mir. Ich muss Kontrolle und gegebenenfalls eine Anzeige machen! Wer ohne keine Berechtigung angelt, muss drei Tage ins Bullesje (Landgefängnis in Zell)!“ Matthes stieg schwerfällig auf, grummelte was vor sich hin, gab dem Gendarm die Angelrute und sagte: „Damit kein Biss außeracht bleibt, angeln sie doch bitte weiter.“ „Das mache ich doch selbstverständlich, habe früher selbst gerne geangelt. Doch das ist allerdings schon lange her. Gib mir die Rute!“ Matthes haute ab und versteckte sich in dem Ufergebüsch. Er wartete, bis Bohne tatsächlich einen kleinen Fisch gefangen hatte. Er war bestenfalls für eine Vorspeise tauglich. Matthes stürzte aus dem Versteck und sagte zu dem Ordnungshüter: „Herr Bohne, sie haben sich soeben vermutlich strafbar gemacht. Zeigen sie mir bitte ihren Angelschein.“ Der konnte natürlich nicht vorgezeigt werden. „Also“ sprach Matthes weiter, „Ich mache einen Vorschlag zur Güte: Ich zeige sie, Herr Polizist, nicht an und sie mich auch nicht.“ Gendarm Bohne musste nun doch lachen und sagte: „Also Matthes, wenn du dir umgehend einen Angelschein besorgst und ihn mir zu Hause in meinem Büro vorzeigst, dann vergesse ich die Angelegenheit.“ Am nächsten Tag radelte Matthes nach Zell und ließ sich den erforderlichen Schein ausstellen. „Drei Tage im Knast wären drei Tage ohne angeln an der Mosel gewesen! Das geht nicht!“ In Neef wieder zurück, zeigte er den Schein gleich der hohen Polizei-Behörde vor. Er brachte zudem einen stattlichen Salm mit, den er dem Herrn Bohne schenkte. „Matthes, der ist aber noch von gestern! Der ist schwarz geangelt – ohne Schein! Du willst mich bestechen!“ „Nein, das ist der Fisch, den sie doch gefangen haben!“ sagte Matthes mit einem leichten und schelmischen Augenzwinkern. Bohne ging zum Wandschrank, kam mit einer Flasche alten französischen Calvados zurück. „Matthes, du bist ein Schlitzohr, lass uns die Sache vergessen und einen Schnaps darauf trinken!“ Es blieb nicht bei einem Glas. Schließlich bot der Peter Bohne dem Matthes das Du an. Die beiden verband von nun an eine recht enge Freundschaft.

Der Fischer Matthes wurde nie mehr kontrolliert, und bei den Festen der Franzosen in Zell gab es öfters einen köstlichen Edelfisch zum Mahl.

Einreicher: Bernhard Kirch

Na denn mal „Petri Heil!“
   
Dumm gelaufen –
oder: Die Geschichte mit den Erdbeeren

Während wir in der großen Schulpause mit der faden Schulspeisung abgefertigt wurden, stand Erich abseits der anstehenden Schlange und aß voller Genuss und grinsend aus einer Tüte saftige und wohlschmeckende Erdbeeren. Er war nicht bereit, auch nur eine von diesen herrlichen Früchten abzugeben. Wir hatten eher den Eindruck, als wolle er uns mit Schadenfreude den Mund wässrig machen. „Ha“, sagte er, „die habe ich von meinem Onkel Heinrich. Der hat noch viele davon. Jeden Tag gibt es bei mir nun Erdbeeren. Da könnt ihr also noch lange neidisch klotzen. Und Onkels Beet liegt so versteckt, dass ihr das nie finden könnt! Muffelt ihr weiter den Schulspeise-Fraß. Meine Portion könnt ihr auch noch haben.“

Werner und ich waren nicht gerade erbaut von Erichs Vorgehen. Er hatte uns geradezu herausgefordert, etwas zu tun. Werner ließ dann wissen, dass er ahne, wo das Gärtchen von Erichs Onkel liege. „Ich habe Heinrichs Frau dort schon mal gießen sehen“ sagte er. „Dann wissen wir doch, was zu tun ist!“ sagte ich.

Wie Detektive gingen wir am nächsten Tag daran, das kleine Stückchen Eden ausfindig zu machen, was recht schnell geschah. Tatsächlich fanden wir ganz versteckt am Mühlbach ein Erdbeerfeld, das uns mit den reifen Früchten geradezu anlachte. Zuerst aßen wir uns einmal satt. So viele Erdbeeren hatte ich noch nie in meinem Leben auf einmal gegessen! „Was machen wir jetzt?“, fragten wie uns.

Wir fertigten aus Pappe Schilder an mit Richtungspfeilen und schrieben darauf „Zu den Erdbeeren“. Diese stellten wir so auf, dass man von der Strasse aus das Beet leicht finden konnte. Im Beet selbst stand dann das Schild „Hier sind sie!“ Eine andere Beschriftung mahnte „Vorsicht – lass dich nicht erwischen!“ Dann versteckten wir uns in einem Gebüsch und warteten, was nun geschehen würde. Es war Abendzeit, und die Leute gingen dann viel auf der „Maiweid“, wie sich das Gebiet nannte, spazieren. Und tatsächlich: Im Nu war das „nicht zufindende“ Erdbeerfeld“ der meistbesuchteste Garten von ganz Neef. Die Leute kugelten sich vor lachen und riefen sich gegenseitig zu: „Geht auch mal hin, vielleicht findet ihr noch was! Es ist nicht mehr viel da! Aber Morgen ist ja auch noch ein Tag! Dann gehe ich mal mit der ganzen Familie hin. Ha, ha, haaa”.

Dieser Streich war uns wirklich gelungen! Noch beim Nachhausegehen schlugen wir uns vor Vergnügen auf die Schenkel. „Es ist einfach zum totlachen. Der Erich wird uns nun nicht mehr den Mund wässrig machen. Er wird, wie wir alle, auch den Schulspeise-Prampes essen müssen! Nun bekommt er die Quittung!“ Ich musste zu Hause im Bett noch herzhaft über den gelungenen Streich lachen.

Aber dann am anderen frühen Morgen! Die Buschbaum’s Marie, die meinem Elternhaus gegenüber wohnte, brüllte so laut und wirr durch die Gegend, dass man sie kaum verstehen konnte bis auf so ein paar Schlagwörter „ ...lass mich nicht verarschen! ... schlag’ sie kaputt! ... zeige sie an! ... rufe die Polizei! .... geh sofort zum Höhne!“ usw. usw. Ich fragte meinen Vater: „Was ist denn los? Was hat die Marie denn?“ Vater meinte, dass er auch nicht so richtig wisse, was sie so wütend gemacht hat, sagte nur so nebenbei, dass es sich wohl um Erdbeeren handelt und dass sie „Drecks-Pens“ als Übeltäter vermute.

Was war passiert? Ach du lieber Gott! Ich ahnte Schlimmes! Da hatten wir doch offenbar das falsche Erdbeerfeld erwischt! Ausgerechnet das von der Buschbaum’s Marie! Schlimmer konnte es nicht kommen! „Das gibt Ärger“, sagte ich zu Werner, der mit mir an diesem Morgen zusammen die Messe noch zu dienen hatte. Dabei fehlte es uns an der erforderlichen Aufmerksamkeit, was Pfarrer Rauber auch so bemängelte. Wir waren gedanklich sehr zerstreut! Und auch das Frühstück zu Hause wollte mir nicht schmecken, zumal sich Marie immer noch nicht beruhigt hatte und die „Drecks-Pens“ lautstark nun in die tiefste Hölle wünschte.

Wir saßen in der Schule kaum auf unseren Plätzen, als Marie ohne anzuklopfen in das Klassenzimmer stürzte und zusammenhanglose Satzfetzen unserem Lehrer zuschrie. „Ich weiß nicht, was sie meinen, Frau Buschbaum – kommen sie, gehen wir einmal raus und unterhalten uns in aller Ruhe“ sagte Herr Höhnen. Nach einiger Zeit kam er wieder ins Klassenzimmer: „Wer hat bei der Frau Buschbaum die Erdbeeren geklaut? Wer war das gewesen? Wer hat die Schilder aufgestellt? Rauskommen!“ Ich atmete tief durch und erhob mich. Werner ging gleich mit. Da mussten wir durch! Da gab es kein Vorbei! „Da gibt es halt mal wieder Prügel!“ – sagte ich zu mir selbst.

Gott sei Dank bekamen die Angeklagten jedoch Gelegenheit, sich zu verteidigen. In dem Plädoyer berichteten wir dem Lehrer unsere Version zu dem Geschehen, wie alles verlief und dass wir einem riesengroßen Irrtum aufgesessen waren. Dass nun ausgerechnet Marie die Betroffene war, tat uns aufrichtig leid, so sagten wir es zumindest unserem Lehrer und bemerkten, dass Erich’s Verhalten ja nun auch nicht gerade vorbildlich war. Nur das hatte uns doch zur Tat provoziert! Herr Höhnen ging nun plötzlich noch einmal raus und kam nach etlicher Zeit wieder. „Geht, und setzt euch wieder hin.“ sagte er zu uns. Der Schulbetrieb ging normal weiter. Nichts geschah! – auch in den nächsten Tagen nicht! Ein solches Verhalten war ungewöhnlich und gab uns Rätsel auf.

Über Werner’s Vater, der mit Herrn Höhnen befreundet war, konnten wir schließlich erfahren, dass sich der Lehrer so über den Streich amüsierte, dass er nicht fähig war, uns mit ernster Mine zu bestrafen. Zur Beruhigung der ganzen Situation gingen wir zur Marie und entschuldigten uns. Dies hatten uns die Eltern auferlegt. Damit war auch für Herr Höhnen die Angelegenheit entgültig erledigt, zumal Marie die Entschuldigung, wenn auch zähneknirschend, annahm. So sahen alle ein: Diese Geschichte war wirklich dumm gelaufen!

Schlimm für uns war es jedoch gewesen, dass Erich nun weiterhin täglich mit seiner Tüte in der Schulpause auftrat, noch mehr als zuvor über das ganze Gesicht strahlte und eine Erdbeere nach der anderen genüsslich auf der Zunge zergehen ließ.

Selbst erlebt vom Autoren der Chronik

Dumm gelaufen – oder: Die Geschichte mit den Erdbeeren
   
Eine recht schauerliche
und beeindruckende Geschichte

Um Brennholz und Petroleum zu sparen, hielt man sich in den 40er und 50er Jahren in der kalten Jahreszeit am Abend nur die Stube auf. Das übrige Haus blieb unbeheizt. So saß die ganze Familie allabendlich bei schwachem Petroleumlicht um den knisternden Ofen herum. In dieser gemütlichen Atmosphäre war dann Erzählen angesagt. Ich sehe heute noch meine Großmutter (1866 geboren) in ihrem Lehnstuhl sitzen, wie sie strickte oder Strümpfe stopfte. Drei Kriege musste sie erleben. In harten Zeiten hatte sie als frühe Witwe vier Kinder durchbringen müssen. Ihr Großvater war noch Messdiener im Kloster Stuben. Hungersnöte, Hochwasser, Eisgänge, Brandkatastrophen und vieles mehr hatte sie erlebt. Da gab es aus ihrem Leben viel zu erzählen.

Eine Geschichte hat mich besonders beeindruckt und habe sie nie vergessen. Sie stammte vielleicht noch aus dem auslaufenden Mittelalter und wurde wegen ihrer Besonderheit von Generation zu Generation weiter überliefert:

Als ein Mann aus Neef im Sterbebett lag, sagte er zu seiner lieben Frau: „Ich weiß, dass ich bald in den Himmel komme. Ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen. Und wenn ich da oben bin, dann hole ich dich bald zu mir. Wir beide gehören für immer und ewig zusammen.“ Nachdem der Pfarrer ihm die Letzte Ölung gegeben hatte, verstarb der gute Mann im tiefem innerlichen Frieden.

Die Witwe trauerte ihrem verstorbenen Mann sehr nach. Fast täglich besuchte sie sein Grab auf dem Petersberg. Einmal wurde sie von der Dunkelheit auf dem Friedhof überrascht. Zu lange war sie im Gebet und Erinnerungen an ihren guten Mann versunken. Die letzten Worte, die er ihr sagte, hatten sie so tief beeindruckt, dass sie immer wieder daran denken musste. Hastig wollte sie mit einem „Kuhl-Holz“ (damit steckte man Kohl-Pflanzlinge in den Garten ein) noch ein letztes Blumen-Pflänzchen einpflanzen, vergaß aber, das Holz wieder rauszunehmen. Und mit dem „Kuhl-Holz“ hatte sie ihre Schürze mit in die Erde gesteckt. Als sie dann aufstand, wurde ihre Schürze vom Holz festgehalten. Blitzartig dache sie „das ist mein Mann; er will mich sofort auf der Stelle zu sich in den Sarg haben.“ Sie erschrak zu Tode. Man fand ihre Leiche am nächsten Tag auf dem Grab ihres geliebten Mannes liegen.

Erzählt von Margarete Nelius †

 
   
Der Schokoladenpudding auf dem Fensterbrett

Schokoladenpudding war in der armein Zeit nach dem Krieg ein ausgesprochener Luxus. Ich selbst hatte einen solchen noch nie gegessen, nur von der Delikatesse gehört.

Da gab es doch im Nachbarhaus von meinem Freund Werner 1949 eine Kommunion zu feiern. Es betraf die Waltraud, die zwei Jahre jünger war als wir. Recht stolz hatte Waltraud verlauten lassen, dass es zur Feier diese Besonderheit als Nachspeise aufgetischt würde.

Und tatsächlich standen während der Kommunionfeier plötzlich zur Abkühlung eine ganze Reihe von dampfenden Tellerchen auf der großen und breiten Fensterbank. „Das kann nur der Schokoladenpudding sein“, sagte Werner. „Schauen wir doch einmal nach!“ erwiderte ich. Da sich die Fensterbank ziemlich hoch von der Gasse befand, nahmen wir einen bereit stehenden Mistbock, da wir in der Eile keine Leiter finden konnten. Werner kletterte auf den Querbalken des Bocks und war recht beeindruckt: „Jo, dat isser! - Hej, schmeck e mol. Ä es awer a biebesje (ein wenig) warm.“ Löffel hatte man den Tellerchen keine beigefügt. So schlürfte ich den warmen Pudding einfach so aus – echt prima! So einen guten Pudding hatte ich noch nie gegessen! Nun kam auch noch Heinz-Werner hin zu. Werner räumte erst einmal das Fensterbrett leer. Und zu Dritt aßen wir nun nach Herzenslust den gesamten Nachtisch der Kommunionfeier auf. Die Tellerchen stellten wir sorgfältig unterhalb des Fensters auf, wie es sich gehörte.

Schnell liefen wir nun weg und vermischten uns unter die anderen Kinder, die am Moselufer herumtollten.

Anzumerken ist noch, dass wir alle Bauchweh bekamen. Wir hatten den Pudding wohl zu hastig und auch vielleicht zuviel davon gegessen.

Für die Kommuniongesellschaft war dieser „Mundraub“ nicht so lustig wie für uns. Die ganze Gesellschaft sei ausgeschwirrt und hatte die Übeltäter gesucht – und nicht gefunden. Lehrer Höhnen kam bei seinen Befragungen in der Schule nicht weiter. Sogar der Dorfpolizist sei eingeschaltet worden war zu hören. Doch alle Nachforschungen führten zu keiner Aufklärung. Noch heute wird man nicht wissen, wer diese Pudding-Klauer waren.

Eigenes Erlebnis vom Autoren

 
   
Rohe Eier verwahrt man nicht
in der Hosentasche!

Der Hühnerstall vom „Barthels Häns“ animierte jeden Eierdieb. Er lag nämlich ziemlich versteckt. So konnte man fast unbeobachtet seiner Verrichtung nachgehen. „Weshalb nicht auch einmal dort Eier klauen?“ – sagte ich zu meinem Freund Wolfgang. Wir waren einer Meinung.

Dies taten wir dann tagsüber und benötigten also noch nicht einmal die Dunkelheit. So stiegen wir in den Stall ein, dessen Tür sogar offen stand. Ich beruhigte die Hühner, und Wolfgang raffte aus den Nestern die Eier. Diese steckten wir in unsere Hosentaschen, die dann proppe voll waren. Die Eier wollten wir nach und nach austrinken (unten ein Loch – oben ein Loch – und schlürfen) und zum Teil auch irgendwo lagern. So hatten wir es schon oft gemacht.

Doch kaum hatten wir uns vom Tatort entfernt, stand schon der Häns vor der Stalltür. Er hatte wohl Geräusche aus dem Stall gehört. Nun schrie so laut er konnte: „Welcher Lump hat uns die Eier geklaut? Ich rufe die Polizei!“ Wir liefen so schnell wir konnten zum Ortsausgang hin und konnten unerkannt entkommen. Jedoch in den Hosentaschen von Wolfgang und von mir waren, wegen der entstandenen Hektik, alle Eier zerbrochen, und die zähe Brühe lief uns aus der Hose ekelhaft die Beine entlang.

Zu Hause hatten wir dann Schwierigkeiten zu erklären, was passiert war. Schließlich waren Hosen und Strümpfe voller klebriger Schmiere. Wolfgang und ich einigten uns auf folgende Aussage: „Wir hatten auf dem Feld in einem Grashaufen die Eier gefunden und wollten sie der Familie mitbringen. Unterwegs hatten wir heftig gestritten, weil einer meinte, er hätte weniger Eier als der andere. Wir rauften uns sogar. Dabei sind die Eier zerbrochen.“ Man hatte uns geglaubt und sogar gelobt, weil wir so sehr an die Familie gedacht hätten.

Beim „Barthels Häns“ gab es vorerst keinen Eierkuchen mehr. Dort mussten die Legehennen Sonderschichten einlegen.

Und die Moral von der Geschicht’: Rohe Eier verwahrt man in Hosentaschen nicht!

von Heinz Philipps

 
   
Außen Hui – Innen Pfui!

Das „Kehr-Theres’che“ hatte in einer engen Gasse einen kleinen Gemischtwarenladen. Und dort am Schaufenster lockten schon eine längere Zeit prächtige Pralinen-Schachteln zum Kauf. Mit Stielaugen hatten wir dies schon seit längerer Zeit so erkannt. „Da müssen wir ran! Die müssen wir kriegen!“ sagte Wolfgang zu mir. Aber wie? Die Scheibe einschmeißen ist zu auffällig. „Da – oben – da ist das Oberlichtfenster gekippt. Da ist eine Luke frei. Lass uns einen Plan machen!“ Ich nahm eine dünne Kordel und machte am unteren Ende eine Schlinge. Die an einem Stab befestigte Korde lenkte ich durch die Fensterluke hin zu den Pralinenschachteln. Wolfgang, der auf der Fensterbank stand, hatte zwei Stöcke aus geschmeidigem Weidenholz parat, mit denen er eine Schachtel anhob. Ich schob die Schlinge darunter – zog die Kordel an – zog sie hoch – durch das Oberlichtfenster – draußen war die Schachtel! So zogen wir eine Schachtel nach der anderen heraus.

Und nun schnell ab! Wir fanden im äußeren Kirchengebäude eine Nische, die sehr versteckt lag. Dort ließen wir uns nieder. Schon fast andächtig öffneten wir die erste Schachtel. Das Wasser lief uns schon im Munde zusammen! „Leer!“ schrie ich. Die zweite: „auch leer!“. Alle Schachteln waren leer, denn es handelte sich bei den Pralinenschachteln nur Attrappen!

Wütend gingen wir zurück zu dem Laden und schmissen die Schachteln vor die Türe. Theres’che stand später dort und soll gesagt haben: „Marrie ju! (Maria und Josef) wie komme dann die Schachtele hej hin! Dat woa secher mine Mann!“

von Heinz Philipps

Wolfgang Steffens in seinen Flegeljahren
Foto aus dem Archiv von Kurt Bergen
   
Das war nun wirklich kein Beitrag
zur Völkerverständigung!

Die Ellerer Eisenbahnbrücke war eine Zeit lang nach dem Krieg nur einspurig befahrbar. So hielten die Züge in Richtung Koblenz in Neef oft an und warteten auf das geöffnete Signal. Zu den wartenden Zügen gehörten auch Güterzüge der Franzosen, die mit Panzern und sonstigen Fahrzeugen der französischen Armee beladen waren. Soldaten saßen überall auf den Waggons in ganzen Gruppen herum.

Mein Vater mochte die Franzosen, die unser Land besetzt hatten, nicht. „Sie haben hier nichts zu suchen!“ Er sagte zu mir, suche dir doch eine Truppe zusammen, und dann stellt ihr euch auf die Brücke, die bei dem Signal steht. Und wenn dann ein „Franzosen-Zug“ hält, dann zieht eure Hosen runter und zeigt den „Franzmännern“ den blanken Hintern. Das hörte sich lustig an und erwartete einen riesigen Spaß.

Mein Freund Wolfgang machte natürlich sofort mit - auch die Harbecke Christa war mit dabei. Erst taten wir so, als wollten wir einen freundlichen Kontakt mit den französischen Soldaten aufnehmen. Wir konnten schließlich etwas Französisch, da wir es in der Schule lernen mussten – allerdings mit größtem Unwillen. So rief jemand von uns: bonjour mon ami“ (guten Tag mein Freund). Die Franzosen reagierten überaus freundlich und winkten uns zu. Als wir uns dann jedoch bückten und den blanken Hintern zeigten, war es vorbei mit der Völkerverständigung. Fünf Franzosen sprangen aus dem Waggon und stürzten auf uns zu. Wir liefen so schnell es nur ging in die Weinberge und hetzten diese bis zu den Hecken oben auf dem Berg hoch. Schließlich hatten wir die Verfolger abgehängt. Dann schlichen wir den Berggrat hinunter bis hin zum Kloster Stuben, und von da aus ging es durch Weidenfelder am Moselufer in Richtung Neef. Erst spät am Abend trauten wir uns wieder in den Ort zu gehen.

Ich weiß nicht, was passiert wäre, hätte man uns eingefangen. Ich glaube, wir wären für einige Tage eingesperrt worden. Und was hätten sie mit meinem Vater gemacht? Er war ja der Urheber der ganzen Geschichte und er war zudem bei der Bahn beschäftigt!

Übrigens verpassten die Soldaten ihren zugehörigen Zug und mussten unverrichteter Dinge einige Stunden später auf den nächsten „Franzosen-Zug“ aufspringen.

von Heinz Philipps

 
   
Für 5 Groschen „Hau-mich-blau“

In der armen Zeit hatten wir Kinder wenig Spielzeug. Ein solches war z. B. ein nackter Reifen von einem Fahrrad. Diesen ließen wir rollen und führten ihn dabei mit einem Stöckchen. So war besonders bei den Buben der Reifen ein ständiger Begleiter. Karl-Heinz Kreuter hatte jedoch einen Reifen von einem Motorrad mit Felge und Mantel. Das war schon eine Besonderheit. Das wusste Karl-Heinz und machte gute Geschäfte damit. Er verlieh ihn für 5 Groschen, und man durfte damit einmal um den Ort laufen. In ein solches Geschäft willigte ich auch einmal ein.

Als ich ihm das Geld gab, sagte er zu mir, dass ich in den nahen Laden Blümling gehen soll, um für ihn „Hau-mich-blau“ zu kaufen. Ich ging in das Geschäft und richtete dem Ladenbesitzer Josef das so aus. Dieser grinste übers ganze Gesicht. Nahm einen Maßstock (mit dem er ansonsten die Stoffe abmaß) und schlug mir damit einmal auf den Hintern. „So“ sagte er „das reicht – nimm dein Geld – war umsonst - du kannst wieder gehen.“ Ich war irritiert und wusste nicht so recht, was vor sich ging. Karl-Heinz klärte mich dann auf: „Mensch – du bist zum Josef gegangen und hast ihm gesagt, er soll dich blau hauen - ich hab dich verarscht!“ Ich behielt die 5 Groschen, lief weg, und ging nie wieder „hau mich blau“ kaufen.

von Heinz Philipps

 
   
Nach dem „Summer“ kommt der Herbst

Unsere Lehrerin brachte den Erstklässlern anhand von Beispielen und Gestikulationen die einzelnen Buchstaben bei. Beim „O“ machte sie den Mund so auf, dass man tatsächlich an der Mundform diesen Buchstaben erkennen konnte. Beim „X“ griff sie auf die Tierwelt zurück. Sie bezog sich auf einen Tintenfisch, der mit seinen Fangarmen so ähnlich aussieht. Beim „E„ zog sie an dem Ohr eines Kindes, was mit dieser Lernmethode Schwierigkeiten hatte und rief: „du Eeeesel“. Beim „S“ summte sie „ssssss“ - Das „S“ war also ein „Summer“. So wollte sie das Wort Esel buchstabiert Haben. „Herbert, was döst du so herum? Was kommt denn nach dem Summer?“ „Ei joo – dä Herbst!“

Erinnerung von Franz Josef Blümling

 
   
Dem „Schuster-Lud“ seine Kirschen

Ich besuchte in Trier und mein Freund Franz Josef in Bernkastel-Kues eine Schule. Wir fuhren täglich von Neef mit der Bahn zu den jeweiligen Standorten. Bei der Rückfahrt trafen wir uns oft im Zug in Wengerohr. Einmal gesellte sich auch der „Schuster-Lud“ zu uns. Er war der Sohn vom „Schuster-Kläs“. Sie hießen eigentlich mit Nachnamen Göbel. Weil sie aber Schuster in Neef waren, erhielten sie diesen Beinahmen. Lud war die Abkürzung von Ludwig und Kläs von Nikolaus.

Der „Schuster-Lud“ war mit einer Frau aus Noviand in der Eifel verheiratet und hatte dort bei seinen Schwiegereltern einen Besuch abgestattet. Diese gaben ihm für ihre Tochter ein Körbchen voller allerbesten Herzkirschen mit. Sie lagen schon fast malerisch in einem kleinen schmucken Spankorb und waren mit einem bestickten Tüchlein abgedeckt.

Ludwig gab uns freundlicherweise eine kleine Kostprobe – einfach herrlich! Dann stellt er das Körbchen spontan auf das Gepäcknetz. Keine einzige Frucht durfte mehr abhanden kommen. Gehörten doch schließlich die Kirschen seiner lieben Frau.

Kurz vor einem Tunnel gab mir Franz Josef ein Zeichen, deutete mit dem Kopf nach oben und blinzelte mir zu. Ich wusste gleich, was er meinte. In den Zügen gab es damals noch kein Licht. Als es dann ganz dunkel wurde im Abteil, unterhielt sich Franz Josef ganz intensiv mit Ludwig. Sie sprachen über Fußball. Ludwig war in der Neefer Mannschaft der Tormann und flickte als Schuster auch immer wieder den Ball zurecht. Es gab für die Neefer Elf nur diesen einen aus Leder. Der nächste Gegner war der aus „Bugramm“, also die Mannschaft aus St. Aldegund. „Die müssen wir schlagen. Eine Niederlage wäre eine Blamage für das ganze Dorf!“ – ereiferte sich Ludwig. Während also ein intensives Gespräch geführt wurde, stellte ich mich auf die Sitzbank und stibitzte einige Hände voll von den herrlichen Früchten, versteckte sie in der Schultasche und legte sorgfältig das Deckchen wieder über den Korb – und dann wurde es auch schon wieder hell. Es waren nicht arg viele Kirschen. Aber es kamen ja noch zwei weitere Tunnel, und da machten wir es genau so. So hatte dann Ludwig, als wir Neef angekommen waren, nicht viel mehr Kirschen im Spankörbchen als ich in der Schultasche.

Verständlicherweise hatten wir es bei der Ankunft des Zuges in Neef sehr eilig. Der Zug hielt noch nicht richtig, und Franz Josef und ich eilten von dannen, setzten uns auf eine vom Bahnhof entfernte Bank und aßen die Kirschen auf. Es waren die besten Kirschen die wir jemals gegessen hatten!

Ludwig bemerkte den Schwund erst zu Hause und sah in uns Beiden sofort die Täter. Er hatte sich furchtbar geärgert – nicht nur über die fehlenden Kirschen, sondern auch über die Unverfrorenheit dieser beiden Bengels, die ihn in so leichter und dreister Art überlistet hatten.

Wenn uns die Eltern zum Schuster wegschickten, um Schuhe reparieren zu lassen, dann brachten wir diese vorerst nicht mehr zu dem „Schuster-Lud“, sondern zum „Schuster-Jupp“, dem Josef Buschbaum.

Überliefert von Jürgen Bremm

 
   
Der Aldegunder Geißenbock stand nicht
auf eine Neefer Geißendame

Folgendes trug sich im Jahre 1947 zu: Dem Bremm’s Aloys sein Geiß war heiß. Sie war also etwa drei Tage empfangsbereit und sehnte sich gleichzeitig nach einem Geschlechtspartner. Das hatte die Natur so eingerichtet. Im Nachbarort St. Aldegund lebte in einem eigenen Stall der für die ganze Umgebung zuständige Geißenbock.

Aloys sagt zum Sohn Rudi, ein Knabe von 10 Jahren, dass er mit der Geiß nach Aldegund gehen soll, um sie beim Bock abdecken zu lassen. Gesagt getan! Rudi bekam noch eine Flasche Wein mit, um sich vom Fährmann übersetzen zu lassen und eine Flasche Schnaps sollte der Geißenbockhalterin für die bevorstehende Dienstleistung zustehen.

Letztere begrüßte den Knaben aus Neef recht freundlich, streichelte die Geiß und führte sie in den Stall. Der Bock schnupperte die Geiß etwas an deren erogenen Zonen. Doch dann schüttelte er sich und wischte sich den verschmierten Bart an seinem Körper ab. Er machte einen recht müden und uninteressierten Eindruck. Die Frau zeigte ihm wieder liebevoll die Geiß. Diese war auch voller Liebeslust und erwartete umgehend einen intimen Vorgang. Sie leckte und koste den Bock. Doch der blieb weiterhin völlig unbeeindruckt. Die Geißenbockhalterin drückte nun die beiden Körper aneinander und streichelte die Tiere. Die Geiß wurde immer liebestoller und war voller Zuneigung. Der Bock jedoch verspürte partout keine erotische Lust. Die Neefer Geißendame mochte er nicht. Schließlich ging er mit den Vorderfüßen in die Hocke, streckte das eine Bein hoch und pinkelte im hohen Bogen in den Stall, was bestialisch stank. Das war für die Geißenbocktante das Zeichen, dass die Potenz verausgabt war. „Das macht er immer so, wenn er nicht mehr kann. Man muss bedenken, das er ja eine Viertel Stunde vorher schon eine Aldegunder Geiß gedeckt hat, und der Jüngste ist mein Bock auch nicht mehr.“ Rudi packte die Flasche Schnaps wieder ein und ging mit der Ziege unverrichteter Dinge nach Neef zurück.

Erzählt von Rudi Bremm, Neef

 
   
Heringe in der Mosel zu wässern ist nicht verboten!

Josef Kaufmann angelte seinerzeit unerlaubt an der Mosel. Er wurde von dem aus Bullay kommenden Fischereiaufseher „auf frischer Tat“ ertappt und musste eine Strafe zahlen - was ihn sehr ärgerte.

Josef Kaufmann wartete, bis der Fischereiaufseher mit der Fähre übersetzte, um entsprechende Delinquenten in Bremm oder St. Aldegund ausfindig zu machen. Dann setzte er sich demonstrativ wieder an den Fluß und hielt die Angel ins Wasser.

Der Fischereiaufseher, der dies bemerken musste und auch bemerkte, kehrte mit der nächsten Fähre wieder zurück und stellte Jupp zur Rede.

Daraufhin erwiderte Jupp, er angele ja gar nicht und es sei ja wohl nicht verboten, in der Mosel seine Heringe zu wässern. Dann zog er die Angelschnur heraus, an der ein fetter Hering angebunden war!

Und da bekanntermaßen Süßwasser-Moselfische nicht auf Salzhering beißen, konnte der Fischereiaufseher Josef Kaufmann (der im 2. Weltkrieg gefallen ist) nicht belangen.

Gruß Rita Berdel, geb. Breyer

 
   
In dubio pro reo! – Im Zweifel für den Angeklagten!

Johann Loebcher hatte „Fluppes“ verkauft. Ein solches Gesöff hatte er, wie jeder Winzer an der Mosel, im Keller vorrätig. Es wurde aus den allerletzten Tresterresten und unter Verwendung von viel Wasser hergestellt. Diese primitive alkoholarme Brühe konnte vor Bitterkeit dem Trinker das Gedärme zusammenziehen - wie man es im Volksmund so ausdrückte. Sie löschte in erster Linie den Durst. Deshalb nahm sie im Steinkrug mit zu Arbeiten im Weinberg und auf dem Felde. Als Kirmeswein war ein „Fluppes“ völlig ungeeignet. Da hatte das Schlitzohr Loebcher noch einmal Glück gehabt. Wie sollte auch der Richter anders entscheiden?

Text der Veröffentlichung in der Hunsrücker Zeitung:
Vor der Strafkammer wegen Weinfälschung und Verkauf von verfälschtem Wein stand am Montag zu Coblenz der Winzer und Händler Johann Loebcher aus Neef a. d. Mosel. L. hatte im vorigen Frühjahr in Panzweiler mit Sämereien hausiert und den Leuten auch Wein zum Verkauf angeboten. Die Einwohner H. und Z. hatten bei dem Angeklagten zusammen 26 Liter Wein, das Liter zu 50 Pfg. bestellt. Das Fässchen wurde in der Schlafstube des H. gelagert und lag dort drei Wochen lang, bis zur Kirmes. Zwei Tage vor der Kirmes füllte Z. sich 14 Liter aus dem von dem Angeklagten gelieferten Fass in ein von ihm mitgebrachtes Fässchen ab. Erst am Kirmestage probierten beide Käufer den Wein. Derselbe war nicht klar und schmeckte den Leuten so schlecht, dass sie sich veranlasst sahen, eine Flasche zum Bürgermeisteramte zu schicken. Dieses veranlasste die Untersuchung des Weines durch den Gerichtschemiker Dr. Samelson zu Coblenz. Es stellte sich heraus, dass der Wein verfälscht, und nach den Bestandteilen zu urteilen, Tresterwein war. Der Angeklagte bestritt die Fälschung. Die Zeugen H. und Z. hatten selbst nichts an dem Wein gemacht, sie konnten aber auch nicht behaupten, dass nicht jemand an dem in der offenen Schlafkammer lagernden Weinen gewesen war. Der Angeklagte wurde daher freigesprochen.

Eingereicht von: Kurt Bergen

 
   
“Ques que ce - dat lo da?”

Nach dem verlorenen letzten Welt-Krieg sah es ganz danach aus, als würde unser Moselland künftig als „Departement de la Moselle“ zu Frankreich gehören - zumindest die Franzosen sahen es so. Als Besatzungsmacht hatten sie auch Einfluss auf die Gestaltung des Schul-Unterrichtes, und so schrieben sie es vor, dass die französische Sprache gelernt werden musste. Hatten wir Schüler nicht schon Mühe genug, in der Schule unser Plattdeutsch abzulegen undHochdeutsch zu sprechen?! Und nun noch Französisch lernen?!

Unsere Lehrerin, die junge Schulpraktikantin Anneliese Leitheuser aus Bullay, ging mit viel Mut und Engagement an ihre Aufgabe heran. So übte sie mit uns einmal die Fragestellung. Hermann-Josef sollte auf etwas deuten und auf Französisch fragen was das wohl wäre. Andere hatten dann ebenfalls in französischer Sprache zu antworten. So zeigte Hermann-Josef auf die Tafel und fragte: “Ques que ce“ – und fügte nun auf Neefe Platt noch dazu: „dat lo da?” (dieses denn). Der übrigen Schulklasse fiel dabei nichts Besonderes auf. Fräulein Leiheuser jedoch lachte, was ansonsten im Französisch-Unterricht so gut wie nie vorkam und hat dieses Erlebnis als spezielle Episode sogar ihrem Lehrerkollegium weiter erzählt.

 
   
Der Versuch, dem Französisch-Unterricht zu entgehen

Der Französisch-Unterricht war für uns eine einzige Qual. Im Unterricht klappte es hinten und vorne nicht. Und zudem mussten wir jeden Tag als Hausaufgabe Vokabeln pauken. Und wenn Frl. Leitheuser schlecht gelaunt war, waren es viele.

So geschehen an einem Tag, als auch Bernhard dazu absolut keine Lust hatte. Er und ich waren mit Kühen auf der Weide, und die Eltern meinten tatsächlich, dann könnten wir dort in aller Ruhe und mit viel Zeit die aufgegebenen Vokabeln lernen. Über einen solchen Vorschlag konnten wir nur lachen. Lieber fingen wir mit den Händen Forellen im Bach oder kletterten auf Bäumen herum. Aber was wird am kommenden Schultag auf uns zukommen? Wir hatten nichts gelernt! Nicht eine einzige Vokabel! Wir fanden die Lösung: Noch spät am Abend ging ich in unseren Kolonialwaren-Laden und stibitzte eine Tüte voll Schuhnägel – „Pinnen“ genannt. Diese legten wir, die Spitze nach oben gerichtet, in einigen Querformationen auf dem Weg, der von Bullay kam, aus. Und siehe da, am nächsten Tag kam unsere Lehrerin viel zu spät zum Schulunterricht. Als sie dann schnaufend und wütend mit viel Verspätung, das platte Fahrrad schiebend, aufkreuzte, wurden Bernhard und ich prompt als Täter verpetzt. Folglich gab es eine große Abfuhr. Bernhard, der einige Jahre älter war als ich, ließ sich nicht verprügeln und wehrte sich erfolgreich. Ich aber ich bekam die heftigste Prügel meiner Volksschule-Laufzeit.

Eigene Erinnerungen aus der Schulzeit von F. J. Blümling

 
   
Struppi im Kaninchenstall

Es trug sich in dem Kriegsjahr 1944 zu. Einige Soldaten hatten Fronturlaub. Man saß zusammen und feierte in einem Weinkeller. Dort fand man sich ungestört. Und wenn es einmal zu laut wurde, dann hatten alle Unbeteiligte Verständnis dafür. Erlebten die Soldaten gerade in dieser letzten Kriegsepoche draußen an der Front eine ganz schlimme Zeit. Sollen sie sich doch die kurze Zwischenzeit zu Haus vergnügen so gut es nur ging.

Wein war genug vorhanden. Aber das Essen war knapp bemessen. Die Dose Leberwurst aus der Hausschlachtung war fast leer gegessen. Man hatte aber noch viel Hunger. Was war zu tun?

„Ich habe eine Idee!“ sagte Erich zu seinen Kameraden. „Gebt mir den Rest der Leberwurst und kommt mit!“ Gesagt – getan. Erich führte die Gruppe der vier Männer in der Dunkelheit ein schmales Gässchen hoch. Er hatte eine Taschenlampe dabei, die zu seiner Soldatenausstattung gehörte. Diese konnte man bezüglich der Helligkeit variiert einstellen. Erich hatte sie ganz schwach eingestellt. Er kannte sich gut im Hinterhof von Alois Nelius aus. Erich wusste auch, dass Alois einen Hund hatte. Dies war der Struppi. Er war ein Mischling kernigster Art und Alois großer Freund. Aber auch die Rolle eines Wachhundes hatte er zu erfüllen – so auch die Bewachung des Kaninchenstalles. Struppi bemerkte die Gruppe und schlug an. Erich ging auf ihn zu, sprach ihn leise an und lockte mit der Leberwurst. Struppi schnüffelte – Erich nahm ihn auf den Arm – öffnete den Kaninchenstall – nahm das Kanickel, ein stattlicher Rammler, raus – und sperrte den Hund ein, der nunmehr gierig die Leberwurst fraß und die Dose ausleckte. Schnell und leiste entfernte man sich. Im Weinkeller gab es dann schon bald einen herrlichen Kaninchenbraten. Es konnte weiter gefeiert werden!

Und Alois bemerkte in der tiefen Nacht ein erbärmliches Gejammer von seinem Hund. So jämmerlich hatte er noch nie gejault. „Da muss ich einmal nachschauen!“ Heftig zündete er seine Karbid-Lampe an und eilte zum Hof. Was er dann sah, verschlug ihm die Sprache. Ein Bild zum Herzzerreißen! Mit hängenden Ohren, gekringelter Schwanz und traurigem Blick sah ihn Struppi an. Hurtig befreite er den Hund aus seiner unartgerechten Verbannung, streichelte ihn und setzte seinen Freund wieder in sein zuständiges Hundehaus. Alois ahnte gleich, dass den Fronturlaubern dieser Streich zuzuschreiben war und ließ Gnade vor Recht ergehen.

Überliefert von Erich Kreuter

 
   
Wie das Fell von der Kuh
vom Treise Pitter versoffen wurde

Der Peter Treis hatte seine Kuh geschlachtet. Die beiden Schwiegersöhne Alfons und Alois hatte er beauftragt, das Fell nach Bullay zum Gerber zu bringen. Die Mühe sollte auch nicht umsonst sein. So stand der Treise Pitter, wie Peter er in Neef genannt wurde, den Beiden zu: „Geht ruhig von dem, was ihr für das Fell bekommt, einen Schoppen trinken – es können auch zwei sein“. Das war recht großzügig vom Pitter, der ansonsten ziemlich geizig war.

So kurbelte man den Traktor an. Es war ein sogenannter „Elfer Deutz“, der noch vorgeglüht werden musste, um ihn dann mit einer Kurbel anspringen zu lassen. Das Fell wurde auf eine kleine zweirädrige Karre geschmissen und ab ging die Fahrt mit stattlichen 11 PS nach Bullay. Es war am frühen Vormittag. Vom Gerber Zinzius, erhielten sie bares Geld. Umgehend wurde das erstbeste Gasthaus aufgesucht, um die zugestandenen Schoppen zu trinken. Es wurden weit mehr zwei. Die allgemeine Stimmung war gut. Sie stieg, als man die zweite Wirtschaft verließ. Man stellte auch fest, dass man sich gut verstand und der Pitter froh sein kann, solche Schwiegersöhne zu haben. Nun bekam man Hunger. Also fuhr man nach Merl, und kehrte beim Metzger Lawen ein. Da Lawen auch eine Kneipe hatte, bot es sich an, das Steak mit Wein hinunterzuspülen. „Aber nun müssen wir so langsam wieder heim“ meinte Alfons. Doch gerade, als sie zur Tür raus kamen, begegnete ihnen der Karl-Heinz Kallfelz. Der war den beiden gut bekannt, hatte doch Karl-Heinz eine verwandtschaftliche Beziehung zu Neef. „Na, ihr beiden Frohnaturen, wie man es sieht, geht es euch bestens. Kommt doch mal mit mir. Ich zeige euch meinen Keller. Dann könnt ihr einmal den Merler Wein probieren. Die Neefer meinen doch immer, sie hätten den besten Wein der Welt“. Und tatsächlich, der Merler Wein schmeckte gut – vielleicht zu gut. Als Abschied verteilte Karl-Heinz nun noch einen „Aufgesetzten“, den er selbst unter Verwendung von einigen Kräutern und Wurzeln hergestellt hatte. Und wie es so üblich war, stand man auf einem Bei nicht gut und kippte noch einen und noch einen „Wundertrunk“ hinunter. Doch so wunderlich war der scheinbar nicht, denn es traten erhebliche Gleichgewichtsstörungen auf. Mit Mühe und Not torkelten die Beiden zum Traktor, und beim Anlassen desselben löste sich die Kurbel und flog haarscharf an Alfons Kinn vorbei und dann in einem hohen Bogen in eine Hecke. Sie dort ausfindig zu machen und sie zu holen, war ein Schauspiel für sich.


Dies war nicht das Empfangskomitee, das vor Pitters Haus die beiden Helden in Empfang nahm. Das Haus gibt es heute nicht mehr.

Sehr von der Wirkung vom all zu vielen Alkohol gezeichnet tuckerte man nun nach Bullay. Müdigkeit trat nun auf. „Die Schnäpse zum Schluss hätten wir besser gelassen“ lallte Alois. In einer Schlangenlinie befuhr man die Strasse. Es dunkelte schon. Gott sei Dank wurden die beiden Zecher nicht beobachtet. Man kannte allerdings zu dieser Zeit, es war Ende der 50er Jahre, noch kein Alkoholverbot am Steuer. In Bullay sah man ein, dass man fahrunfähig war. Am Anfang des Ortes gab es damals die Schokoladenfabrik Imhoff. Am Pförtnerhäuschen dieser blieben sie halten und bestellten beim Pförtner eine Übernachtung. Man glaubte die "Pension Neidhöfer" erreicht zu haben. Der Pförtner schaute die Beiden groß an, schmunzelte, bot ihnen einen Stuhl an und bestellte bei einer Bediensteten einen starken Kaffee, den ein nettes Fräulein auch gleich brachte. Mit dieser wurde dann noch etwas geschäkert. Dann gab man ihr ein ordentliches Trinkgeld, was die Gemeinschaftskasse ja auch noch zu ließ. Darauf schenkte die schöne Maid jedem der beiden Charmeure eine Tafel Schokolade mit der Bemerkung: „Für eure lieben Frauen, die sich sicherlich freuen, wenn ihr wieder zu Hause seid“. Schließlich rafften sich die Beiden wieder auf und erreichten letztendlich am späten Abend Neef. Dort wurden sie aufgeregt vom Pitter und seiner Frau Fine im Hof empfangen: „Wo ward ihr so lange? Wir dachten schon, es wäre etwas passiert!“ Doch als die Zechkumpanen kaum noch ein vernünftiges Wort herausbrachten und sich herausstellte, dass das Fell so gut wie versoffen war, und als sie dem Pitter und der Fine die Schokolade zur Versöhnung schenken wollten (die ja eigentlich ihren Ehefrauen zugedacht war), zeigte dieser nur kurz mit dem Zeigefinger auf die Stirn und ging kopfschüttelnd ins Haus. „Da haben sich meine Töchter aber die Richtigen ausgesucht“ – waren seine Gedanken und Fine schlug die Hände über den Kopf zusammen und rief: „Mari Ju! – Mari Ju!“

Erzählt von Karl-Heinz Kallfelz, Zell-Merl

 
   
„Sind sie der Herr Rommel?“

Rommel kommandierte im Zweiten Weltkrieg als Generalfeldmarschall das sogenannte Afrikakorps. Er erhielt für seine kämpferischen Erfolge die Auszeichnung „Brillanten zum Ritterkreuz mit Eichenlaub und Schwertern“. Rommel war als Kriegsheld in aller Munde.

Der Neefer Josef Croeff, der Coeff’s Jupp, stand auch im Heer von Rommel. Als Jupp einmal in seiner Heimat Urlaub machte, freute sich keiner mehr als seine Mutter, die Croeff’s Katt (Katharina). Die brachte ihrem Sohn alle Aufmerksamkeiten entgegen, die man sich nur ausdenken konnte. Zudem hatte Jupp ausgedehnt und nächtelang mit anderen Fronturlaubern gefeiert. Endlich einmal die schrecklichen Ereignisse in der Front vergessen können! Wie viel besser schmeckte der kühle Wein in Gewölbekellern als der warme Muckefuck oder der dünne Einheitstee in der Blechdose in der heißen Wüste! Jupp konnte sich von Neef nicht so schnell trennen und wäre am liebsten hier geblieben. Zudem war eigentlich der Krieg insgesamt schon so gut wie verloren, das wusste man. Man wusste auch, dass immer mehr deutsche Soldaten desertierten. So nahm Jupp das offizielle Urlaubende nicht eng und blieb einfach länger in der Heimat, als es der Urlaubsschein zuließ. „Vielleicht vermisst mich auch keiner“ – war zudem ein Gedanke, der bei ihm aufkam. Aber so ganz wohl war ihm nicht. Das war ja eigentlich unerlaubtes Entfernen von der Truppe. Das wurde gefahndet und konnte sehr streng bestraft werden. Das wusste auch seine Mutter, das Mütterchen im vorgerückten Alter.

Prompt pochte es eines Nachts ganz heftig an der Haustür von Jupps Elternhaus. Die Katt wachte voller Schrecken auf und erschien schlaftrunken am Schlafzimmerfenster, rückte ihr Nachthemd zurecht und wischte sich die Augen. Als sie die stramme Militärperson auf der Straße sah fragte sie: „Sind sie der Herr Rommel?“ Ohne auf eine Antwort zu warten rief sie schlagfertig: „Mein Sohn ist schon längst wieder unterwegs nach Afrika.“ Das genügte dem strengen Militärpolizisten, der seine Aufgabe erfüllt sah. Mit einem leichten Lächeln ging er von dannen.

Und Jupp sah zu, dass er umgehend zu seiner Einheit im fernen Afrika zurückkam.

Diese Begebenheit erzählte Josef Croeff mit großem Amüsement immer wieder gerne.

 
   
Dat Ding met der „Bachermaschin“
und die Meinung von Experten

Mit dem Bau des Moselkanals, Anfang der 60er Jahre, wurde die Fischerei auf der Mosel stark eingeschränkt. Das errichtete Stauwehr teilte das „Jagdgebiet“. Für das Gebiet oberhalb des Wehres war eine andere Behörde zuständig als für den Flusslauf unterhalb. Und dann musste auch noch eine Sperrzone beachtet werden. Dort durfte überhaupt nicht geangelt werden. Die Genehmigungen zum Fischfang war für die Neefer also kompliziert geworden, was dazu führte, dass man zumeist ohne Erlaubnis Fische fing, wobei die Leidenschaft zum Fischen blieb – vielleicht sogar noch spannender machte. Der Dorfpolizist Christian Schreiber hatte stets die Angler im Visier. Waren diese doch größtenteils so richtige Schlitzohren, denen eine Genehmigung zum Angeln keine all zu großen Kopfzerbrechen bereitete und nie und nimmer daran dachten, ihr Jagdfieber zu unterdrücken.

Und auf Angler, die mit einem Netz fischten, hatte der „Dorf-Cheriff“ ein besonderes Auge geworfen, denn das war aller strengstens verboten.

Karl war eines der ersten "Opfer" des Staustufenbaus geworden. Für seine frühere Angelerlaubnis hatten nunmehr zwei unterschiedliche Behörden ihre Zuständigkeit und die erteilten Karl eine Lehrstunde in Bürokratie. Kurzum, Karl erhielt keine neue Angelerlaubnis. Mit dem "geil" (Netz) Fische fangen wie früher, das durfte er erst recht nicht. Doch damit ging er weiterhin am liebsten fischen. Das war rentabler als stundenlang mit der Angelrute am Ufer zu sitzen – dazu hatte er keine Lust. Mit etwas Glück hatte man mit wenigen Auswürfen mehr Erfolg, als ein Angler an einem ganzen Tag. Zudem war Karl auch einer den wenigen Angler im Dorf, der sein Angelnetz selbst knüpfte und auch reparierte. Das konnte er wie kein anderer.

Karl hatte weder einen Angelschein, noch durfte er mit dem Netz Fische fangen. Und sein Angel-Kumpel, der Jupp Budinger (der „Budingisch Jupp“) aus Ediger, hielt ebenfalls nichts von behördlichen Vorschriften.

Durch die ständigen Arbeiten im Flussbett anlässlich des Kanalbaues hatten sich Sandanhäufungen im Flussbett gebildet, die entfernt werden mussten, damit Bau-Schiffe und Bau-Kähne fahren konnten. So war in der Mosel die Bagger-Maschine (im Neefer Dialekt: „Bachermaschin“) – auch Schwimmbagger genannt - laufend tätig. Ihr Aussehen war geprägt von einer Schaufelkette. Die einzelnen Schaufel fraßen sich angetrieben von starken Ketten in den im Fluss abgelagerten Kies und brachten diesen nach oben. Dort wurde er automatisch in einen bereitstehenden großen Kahn geschüttet und abtransportiert. Bei diesem Vorgang machte sie großen Krach, den man noch weit im Umfeld hörte. Sie war ein stählernes Monster.

Einmal war diese „Bachermaschin“ für Angelexperten sehr günstig verankert. „Auf ihr einmal einige Netze auszuwerfen, müsste Erfolg haben“ – meinte Karl. Sein Freund Jupp bestätigte das. Man schritt zur Tat. Einen Tag zuvor hatte Karl dort schon mit alten gekochten Kartoffeln zusätzlich „angefüttert“. Ein großer Erfolg schien gesichert.

Ein kleiner Kahn, ein „Naache“ (Nachen), stand am Neefer Fährufer parat, um an das Schiff heranzukommen. Da man zweckmäßiger Weise sowieso nur bei Dunkelheit das Unternehmen starten konnte (man durfte ja nicht gesehen werden), stand der Kahn mehr oder weniger zur freien Verfügung, was sicherlich der Fährmann nicht so gesehen hätte.

Das Koloss (die „Bachermaschin“) war mit einem langen Stahlseil in der Mosel verankert. Karl warf das „Geil“ aus – mitten auf die Futterstelle. Als er das Netz erwartungsvoll einziehen wollte, blieb es an einer Eisenstange hängen. Es war äußerste Eile geboten. Man durfte ja nicht gesehen werden. Der Jupp sprang hastig aus dem Kahn ins Wasser und suchte unter Führung des Netzes den Punkt, an dem sich das Netz verhakt hatte. Er spürte die Eisenstange und riss sie eiligst aus einer Fassung. Karl zog schnell das Netz ein. Aufgrund der entstandenen Unruhe waren nur einige Fische im Netz. Das musste aber für heute reichen. Schleunigst fuhr man wieder ans Ufer und verschwand in der Dunkelheit.

Die Bootswacht hatte ungewohnte Schläge vernommen. Ein Kahn schlug fortwährend lautstark an das Monstrum an. Was war passiert? Jupp hatte die Verankerung des Stahlseiles aus der Fassung gerissen. So trieb das Koloss ungesichert mit der Moselströmung abwärts. Die Bootswacht konnte Gott sei Dank ein großes Unglück abwenden, wurde Herr der Situation und verankerte das Schiff unbeschadet an einem anderen Platz.

Die Meinung der Experten war nun, dass die Mosel aufgrund der Bauarbeiten wirklich unberechenbar geworden ist. „Man hätte aber auch die Baggermaschine an einer anderen Stelle verankern müssen“ – meinte ein anderer Spezialist. Karl und Jupp hatten da ihre eigene Meinung, die sie aber vorerst für sich behielten. Später erzählte Karl die Begebenheit sehr gerne und konnte darüber herzhaft lachen.

Erzählt von Manfred Zimmer, Bodenheim

Karl mit dem Geil - seine spezielle Art zum Fischfang. Foto: Manfred Zimmer
 
 
Die Baggermaschine war von nun an, wenn sie nicht tätig war, im sicheren Bremmer Gestade verankert. Foto: Rhein-Museum, Koblenz
   
Was sollen die Mädchen im Gesangunterricht
ihre Zeit verplempern?

Wie schwer es war, bei der Landbevölkerung den Sinn für eine gute Allgemeinbildung zu wecken, mag die Tatsache beweisen, dass der Gemeinderat von Neef noch 1876 den Gesangsunterricht für Mädchen mit der Begründung ablehnte, dass dieser „ ... für einfache Bürgertöchter wie hiesigen Orts nicht nötig erachtet, auch nicht für unbedingt zwecklich angesehen werden kann.“ Zwei Monate später verfügt dann aber die Regierung, dass Gesangsunterricht erteilt werden muss und die Gemeinde dem Lehrer Helten dafür 30 Mark jährlich zu zahlen hat.

Otto Münster, Bullay; in: Die Geschichte der Volksschule Neef

 
   
Immer diese Neuerungen!

Als Papst Gregor die neue Kalenderordnung (gregorianische Kalender) einführte, war das nicht im Sinne des Neefer Kaplans Ph. Urhusen. Er war strikt dagegen und hörte nicht auf, gegen das Normaljahr zu predigen.

Schließlich steckten ihn 1650 Kurfürst von Sötern ins Gefängnis, bis er sich endlich der neuen Anordnung fügte.

Karl von Damitz; in: „Die Mosel“

 
   
Ein Intermezzo der besonderen Art

Der Josef Braun war ein lustiger Mensch mit viel Phantasie und Humor. Er sprühte förmlich vor Unternehmenslust. Dies mag ihm auch den Spitznamen „Polwer“ – angelehnt an das Wort Pulver - gegeben haben.

So kam er einmal auf die Kegelbahn und erzählte: „Kerle, mir ist was passiert. Ich ging von zu Hause weg und musste dringend Pipi machen. So stellte ich mich in unseren Hof, und der Strahl ging direkt auf ein paar abgestellte Blechpfannen. Ein angenehmer Ton erklang. Ging ich weiter weg, dann wurde der Ton tiefer. Strahlte ich nach links, dann war der Ton anders, als wenn ich nach rechts strahlte. Und im Nu hatte ich heraus, wie man eine Tonleiter pinkelt. Nicht nur das! Ich konnte schließlich sogar den Walzer „Wiener Blut“ pinkeln. Ja, das war wirklich so!“

Das lachten die Kegelbrüder und „Polwer“ hatte einmal wieder die Lache auf seiner Seite.

Ein Stückelche vom Autoren der Chronik selbst erlebt.

 
   
Ein und für alle Mal: Es gibt das „Moselkraftwerk Neef“ und nicht das „Moselkraftwerk St. Aldegund“

Als man begann, die Mosel zu kanalisieren, stand fest, dass sich die Schleuse auf der St. Aldegunder Seite dementsprechend auch „Schleuse St. Aldegund“ nennt. Doch nun sickerte es in der Neefer Bevölkerung durch, dass auch das Kraftwerk auf dem Neefer Terrain nach dem Ort St. Aldegund genannt werden sollte. Und tatsächlich hatte die beauftragte Baufirma schon die Schilder anfertigen lassen, auf denen stand: „Hier baut die Firma Bauwens das Moselkraftwerk St. Aldegund“! Die aufwendigen Schilder standen in einem Bauwagen schon parat zur Montage.

Dies wurde von den Neefern gesehen. Man war empört! Bei Nacht und Nebel brachen beherzte Bürger in die Baubude ein. Mit schwarzer Ölfarbe überpinselten sie die Ortsangabe „St. Aldegund“ und berichtigten: „Moselkraftwerk Neef“. Für die Baufirma war dies am anderen Tag eine riesengroße Frechheit. Die Täter ließ man polizeilich suchen, wurden aber bis zum heutigen Tag nicht gefunden. Andere Schilder waren schon bald fertig gestellt, und auf diesen stand denn auch richtigerweise „Moselkraftwerk Neef“ – wie es auch bis heute noch heißt.

Überliefert von Alfred Kaufmann, Neef

 
   
Der „Proffe-Klub“ ging „fringse“

Der Krieg war verloren. Deutschland hatte an Frankreich Reparationszahlungen zu leisten. Dazu gehörte auch, dass Frankreich Kokslieferungen aus dem Ruhrgebiet bezog, die per Bahn die Moselstrecke hoch nach Lothringen und in das (damals) französische Saargebiet transportiert wurden. Die Waggons waren immer hoch beladen. Kohle und auch Koks waren zu jener Zeit „schwarzes Gold “, da man sie als Heizmaterial sehr begehrte.

Die Bahnstrecke über die Ellerer Brücke bis zum Tunnelausgang in Neef war wegen nicht behobener Kriegsschäden noch eingleisig. So gab es am Tunnelausgang eine Weiche, die den Verkehr auf eine zweigleisige Strecke umleitet. Weichensteller war Josef Bergen. Diesem „Berje Jupp“ stand eine Hütte zur Verfügung. Sie war klein und gemütlich. Ein Kanonenofen beheizte den Raum. Licht lieferte ein kleines Fenster und in der Dunkelheit eine Petroleumlampe. Wen verwundert es, wenn Jupp oft Besuch von Neefer Burschen erhielt. Sie waren besonders willkommen, wenn sie etwas mit brachten. Das konnte Schnaps, Wein, Speck oder auch Fleisch sein. Man spielte Karten, knobelte, erzählte - und „fringste“, wie dies der Kölner Bischof Frings seinen Kölnern Mitbürgern stillschweigend zubilligte, wenn diese Kohlen entwendeten. Er war der Ansicht, dass seine Schäfchen in dieser speziellen Zeit auch schon mal Kohlen klauen dürfen, ohne dies als Sünde anzurechnen.

Daher wurde dieser Kohlenklau im ganzen Rheinland „fringese“ genannt.

Wenn nun Jupp über sein „Feld-Telefon“ (stammte noch aus Wehrmachtsbestand) Bescheid vom Bahnhof Eller erhielt, dass ein Zug unterwegs sei, wurde er als Weichensteller tätig. Einer anderer der Clique kletterte einen Mast hoch, ein dritter reichte ihm einen „Proffen“ (Pfahl). Damit wurde dann vom Eisenbahn-Waggon die Kohle abgekämmt. Der Rest des eingespielten Teams sammelte die heruntergefallene Kohle in Säcken ein. Diese wurde dann zur eigenen Familie nach Hause gebracht, oder auch bei sonstigen Neefer Bürgern gegen Schnaps, Wein, Speck und Fleisch eingetauscht. Und so konnte man bei Jupp wieder aufgenommen werden.

In der Bude vom Jupp wurde viel gefeiert. Sogar Silvesternächte verbrachte man hier. Die „Frings-Übung“ war eingespielt. Ohne großen Aufwand war man erfolgreich. Auch für Unterhaltung war gesorgt. Und so gründete sich der respektable und erfolgsorientierte „Proffe-Klub“, der sich also nach ihrem wichtigsten Werkzeug, dem „Proffen“ nannte. Er unterwarf sich keiner Satzung, war demzufolge auch nicht im Vereinsregister eingetragen und besaß somit auch nicht das Privileg der Gemeinnützigkeit.

Erzählt von Hans Knipp, Neef und eigene Erinnerung

 
   
Ein trauriges „Stückelche“

Karl Kaspar Kreuter ( 1851 – 1898 ) war Schnapsbrenner und Metzger. Als solcher brannte er für die Neefer Bürger den Schnaps, verkaufte in einem kleinen Laden Fleischwaren und verrichtete auch Hausschlachtungen.


Karl Kaspar Kreuter und seine Frau Maria Eva geb. Schmitz

Allgemein herrschte in Neef eine große Armut. Die Bahn-Trasse war fertig gestellt. Kein Bauarbeiter wurde mehr benötigt. Ansonsten gab es nur noch Beschäftigung in der Essigfabrik. Wohl dem, der dort arbeitete. Es gab Familien, die nur ein Fuder Wein ernteten, und das dann noch in schlechter Lage. Dieses verkauften sie gelegentlich für einige 100 Mark, wenn die Weinhändler endlich einmal kamen. Der kleine Erlös musste dann den Jahresbedarf einer Familie für Kleider, Hausbedarf, Gartendünger, Weinbergsgeräte und anderes mehr decken. Man sah Kinder und auch Erwachsene mit Löchern in Schuh und Strümpfen. Reich nannte man den Essigfabrikanten Karl Kaufmann, zwei Gastwirte und noch sechs bis zehn Winzerfamilien mit großem Weinbergsbesitz. Alle anderen mussten sich kümmerlich durchschlagen, zumeist noch mit einem Haufen Kindern.

Wen wundert es, wenn Karl Kaspar oft für seine Leistungen lange auf den Geldeingang warten musste. Er hatte sogar schon Ausfälle hinnehmen müssen.

Da ihm ein Neefer Bürger eine offene Rechnung in barem Geld nicht begleichen konnte, gab er einen jungen Stier in Zahlung. Dieser sollte umgehend geschlachtet werden. Kaum hatte man das Tier in das Schlachthaus gebracht, wurde es wild und drückte den Karl Kaspar so an die Wand, dass er vor Atemnot starb.

Überliefert von Karl-Heinz Kallfelz, Zell-Merl Ergänzt vom Autoren der Chronik

 
   
Neefer BdM-Mädchen bei einem gemeinsamen Gottesdienst. Wie passt das zusammen?

Es war im Jahr 1937. Wir hatten an einem Abend eine BdM- (Bund deutscher Mädchen) Feier. Hitlers Regime wurde gepriesen, und wir sangen nationalsozialistische Lieder. Natürlich gab es auch Wein zu trinken, den wir von zu Hause mitbrachten. Bis in die späte Nacht saßen wir zusammen. Dann zogen wir fröhlich und singend durch das Dorf.

„Und nun machen wir an der Mosel einen Nachen los und fahren nach Aldegund! – rief jemand. Gesagt getan! In Aldegund zogen wir auch wieder singend durch den Ort. Wir lachten und fanden sogar Zuspruch von einigen Leuten, die im Schlafrock aus den Fenstern schauten. Unbeschwert gingen wir nun an die Mosel zurück, um wieder nach Neef überzusetzen. Der Mond schien, und es war sternenklar. So konnten wir etwas sehen, obwohl keine Straßenlaterne leuchtete.

Aber was war zwischenzeitlich geschehen? Neefer Burschen hatten von unserem Ausflug erfahren. Sie waren wohl eifersüchtig und nahmen an, wir Mädchen wollten uns den Aledgunder Jungs zeigen. Sie setzten ebenfalls mit einem Kahn über und fuhren mit zweien zurück. Dazu gehörte auch unser Kahn. So standen wir mitten in der Nacht am Fluss und konnten Neef nur von der Ferne betrachten. Es blieb uns nichts anderes übrig, als über die Alfer Brücke via Bullay zu Fuß nach Neef zu gehen. Unsere Fröhlichkeit war dabei dahin, denn wir mussten höllisch aufpassen, dass wir wegen der Dunkelheit auf dem Weg blieben.

Als wir endlich in Neef ankamen, war es früh am Morgen. Die Glocken läuteten zur Messe. „Dorthin gegen wir alle, dann haben wir ein Alibi“, schlug jemand vor. Wir in den Gottesdienst und täuschten Frömmigkeit und tiefe Andacht vor. Dies erweckte Eindruck. Auf die Frage unserer Eltern, wo wir denn die ganze Nacht gewesen wären, sagten wir, wir hätten bei der Freundin geschlafen. „Schön und gut, aber ihr hättet wenigstens vorher Bescheid geben können!“ Ja, daran hätten wir denken können – hatten wir glatt vergessen, so entschuldigten wir uns. Andererseits ernteten wir Anerkennung. Da hatten doch ihre Töchter einen nationalsozialistischen, schon eher einen atheistischen als christlichen Abend verbracht und einen gemeinsamen Kirchgang beschlossen! Da konnte man wirklich nicht meckern.

Erzählt von Maria Niesen, Bullay

Maria Niesen
   
Eine merkwürdige Zeremonie bei der Trauung vom „Wanisch Jupp“ mit der „Bremms Liss“

Als der Josef Wagner im November 1924 die Elisabeth Bremm, eine Cousine von mir, heiratete, erhielt ich die ehrenvolle Aufgabe, am Altar die Hochzeitskerze anzuzünden. Ich war gerade mal 4 Jahre alt. Dies erzählte ich voller Stolz meinem Onkel Josef. Dieser sagte mir nun sehr ernsthaft und wichtigtuend, dass ich dann ja alles richtig zu machen hätte. So müsste ich, wenn der Herr Pastor mir das Zeichen gibt, die Kerzen anzuzünden, auch dem Brautschleier Feuer geben. Was mir mein Josef-Onkel sagte, war für mich richtig und unwiderlegbar. Ich schätzte ihn sehr.

Der feierliche Tag kam. Ich kniete am Altar. Die formelle Trauung war vollzogen, und ich steckte auf Wink des Pastors Acker nun die Kerze und danach auch in gleicher Frömmigkeit und Andacht den Schleier an. Alle Leute in der Kirche waren verwirrt. Die Braut sprang beängstigt auf dem Altar herum. Der Schleier brannte leicht und entflammte sich schnell. Doch dann hatte man den Brand endlich erstickt. „Wie kannst Du denn so etwas machen?“ schimpfte der Herr Acker. „Das hat mir doch der Onkel Josef so gesagt!“ war meine Antwort. „Ja, der Onkel Josef, das ist ja wieder einmal typisch für ihn.“ Damit war die merkwürdige Zeremonie erklärt. Der Traugottesdienst wurde fortgesetzt, und anschließend führte die Braut mit dem zerfetzten Schleier doch noch mit würdiger Haltung die Hochzeitsgesellschaft zum Festbankett. Und während der Hochzeitsfeier musste ich immer wieder erzählen, was mir mein Onkel Josef empfohlen hatte und alle lachten.

Erzählt von Maria Niesen, Bullay

 
   
So wurde ich aufgeklärt

Dem Müllen Werner sein Vater hatte den Dorfstier im Stall stehen. Was das bedeutete, wusste ich lange nicht.

Meine Eltern hatten einen Kolonialwarenladen. In diesem führten wir damals, nach den ersten Kriegsjahren, unter anderem auch lose Streichhölzer. Sie lagerten in einer großen Schublade. Die erforderliche Reibfläche für die Hölzer hatte man zu haben. Man konnte sie auch gegebenenfalls an der Hose anreiben und auf diese Art entzünden - wenn die Hose aus geeignetem Material war.

So verkauften wir diese Feueranzünder in kleinen Tüten. Sie waren nicht nur bei den Erwachsenen, sondern auch bei den Buben begehrt. Die „Schlenger-Bix“ (Eine solche Schleuder-Dose hatte Löcher am Boden und eine Draht-Schleuder-Vorrichtung. In der „Schlenger-Bix“ konnte man Feuer aufbewahren. Für uns Buben war eine solche Vorrichtung oft ein ständiger Begleiter.) konnte damit angezündet werden. Auch wenn wir schon mal heimlich plotzten (rauchten), waren Streichhölzer unentbehrlich.

Damals wurde viel getauscht. Die Reichsmark-Währung hatte nur eine geringe Kaufkraft. Ich konnte ab und zu schon einmal Streichhölzer, die ich aus der Streichholzschublade entwendete, anbieten, und der Werner Müllen bot eine Dienstleistung an. Werner war 9 Jahre alt und ich war ein Jahr jünger.

Werner hatte auf dem elterlichen Speicher ein Guckloch ausfindig gemacht, durch das man in den Stierstall schauen konnte. Aber das hatte seinen Preis – z. B. eine Tüte Streichhölzer! Diese bekam er von mir, und so konnte ich zuschauen, was geschah, als eine Kuh den Stier besuchte. Ich glaube, meine Augen waren größer als die des wirkenden Stieres. Und nun wusste ich, wie das mit der Vermehrung so vor sich ging.

Erinnerung von Franz Josef Blümling

 
   
Schwimmen lernten wir im "Seich-Kempel"

Früher, vor der Moselkanalisierung, ragten am Flusslauf so genannte Krippen in den Fluss.

Und zwischen den Krippen waren ruhige Wasserflächen. Diese eigneten sich zum Baden. In Neef waren diese Gewässer nach Zuständigkeiten aufgeteilt. Eines war für die Erwachsenen bestimmt, das darunter liegende für die Mädchen und das anschließende für die Buben. Da letzteres Becken bei Niedrigwasser mit der fließenden Mosel nicht mehr in Verbindung stand, bildete sich ein geschlossener Tümpel. In diesem planschten nicht nur die Buben, die noch nicht schwimmen konnten, sondern auch Scharen von Fröschen. Diese waren in einem dem Tümpel anschließenden Schilffeld zu Hause. Weil man behauptete, dass sowohl die Frösche als auch die Buben hemmungslos in das Gewässer urinierten, was auch nicht zu widerlegen war, nannte man den Tümpel "Seich-Kempel" - auf hochdeutsch: Urin-Tümpel / -Kümpel.

Der "Seich-Kempel" war nicht tief. Ertrinken konnte man darin nicht. Am Boden befand sich eine dicke schwarz-braune Schlammschicht, die glitschig zwischen den Zehen durch quoll. Und wenn viel Badebetrieb war, dann war der Tümpel so trübe wie eine Pfütze auf einem Weinbergsweg nach einem Wolkenbruch.

Einmal machte der Philipps Heinz auch sein größeres Geschäft in das Freibad. Als nun das corpus delicti auf der Oberfläche schwamm, was den Täter auf der Stelle überführte, war dies doch eine zu krasse Übertretung der ansonsten recht lockeren Baderegel, und man verwies ihn sofort aus dem Gewässer.

Erinnerungen von F.J. Blümling und Heinz Philipps

Mosel mit den Krippen - und zwischen diesen lag auch der "Seich-Kempel"
 
 
Heinz Philipps im gestandenen Alter von 28 Jahren - und nicht mehr den Kopf so voller Unsinn
   
Ich hatte Unkeusches gesehen

Die Körperreinigung nahm man früher, in den Jahren 1944 - 1948, nicht so eng wie in heutiger Zeit. Grundsätzlich stand das wöchentliche Bad am Samstag an.

In der kalten Jahreszeit wurden wir Kinder dann in eine Zink-Bütte gesteckt die mit warmem Wasser gefüllt war. Mutter schruppte uns mit einer Bürste ab und benutzte dabei eine schmierige Kernseife.

Im Sommer allerdings wurden wir in der Mosel gebadet. Und das vollzog bei mir dann der Vater. Wir gingen auf die Spitze der Krippe wo sich seitlich davon der "Seich-Kempel" befand. In dem fließenden Wasser wuschen sich Vater und ich den Schmutz der letzten Woche ab. Einmal sah ich dabei, dass auf einer Krippe oberhalb von uns ein Mädchen nackt gebadet wurde. Ich schaute immer wieder hin und das nicht ohne Interesse. "Das darfst du nicht - schau weg!" schimpfte Vater lautstark. Ich wusste, dass sich dies nicht gehörte, ja sogar eine Sünde war, und schaue mich seit her bis zum heutigen Tage nie mehr nach nackt badenden Mädchen um.

Erinnerung von F. J. Blümling

 
   
So wurden wir damals frisiert

Wir hatten früher in Neef zwei Friseure und zwar den „Boartschrapper“ und den „Burggraf“. Letzterer, der Josef Braun, hatte die Neefer Burg zur Hälfte im Eigentum. Da in ihr einmal Grafen residierten, nannte man ihn „Burggraf“.

Sein Konkurrent war der „Boartschrapper“, der Alois Mentges. Es gab im Ort keinen, der besser den Bart schruppen (rasieren) konnte als er. Beide Figaros waren ansonsten gestandene Winzer.

Frisiert wurde nur ab Freitagnachmittag bis hin zum Samstagabend. Keiner von beiden hatte bei einem Meister eine Lehre gemacht. Es waren also begnadete Naturtalente. Jupp’s Karriere begann als Soldat auf Kreta. Dort hatte er einmal einem Kameraden mit gutem Erfolg die Haare geschnitten. Und seither war er nebenbei Friseur.

Der Preis für einen Haarschnitt lag 1947 bei sechs Groschen. Er war bei beiden Friseuren gleich. Allerdings war der Schnitt unterschiedlich. Der „Burggraf“ schnitt die Haare so, als hätte er einen Topf auf den Kopf gestülpt und alles, was außerhalb des Topfes zu sehen war, abgeschnitten.

Der „Boartschrapper“ dagegen schnitt die Haare seitlich radikal ab. Das machte die Erscheinung jung. Es war der so genannte Konfirmandenschnitt. Vor der Kirmes ging wohl jede Männlichkeit zum Friseur. Wenn dann die Männer im Kirmes-Hochamt zur hl. Kommunion anstanden, konnte man gut erkennen, wer in welcher Friseurstube gesessen hatte.

In der Friseurstube ging es sehr gemütlich zu. Es wurde erzählt, gelacht und auf die Frauen geschimpft. Neuigkeiten wurden ausgetauscht und Alois stellte neben dem Friseurzimmer auch schon mal seine Stube zur Verfügung. Dort wurde dann gekartet. Und wenn Alois sein Gretchen gut gelaunt war, dann schickte diese den Wasilius in den Keller, um einen Krug Wein zu zapfen. Wasilius war ursprünglich ein russischer Kriegsgefangener. Es gefiel ihm bei den Mentges so gut, dass er nach Kriegsende gar nicht mehr nach seinem zu Hause in Russland wollte. Und die deutsche Sprache lernte er nie. Sein Intelligenz-Quotient ließ das nicht zu. Aber Kräfte hatte er wie ein Bulle.

Beim Jupp ging es nicht weniger gemütlich zu. Er frisierte in einem historischen Erker in seiner Burg. In dem anschließenden großen und hohen Raum warteten auf einer langen Bank, die rund um den Raum reichte, die Kunden. Auch Jupp ging schon mal in den Keller und lies eine Spezialität probieren. Besonders gerne spielte er auf einem Harmonium Mutter-Gottes-Lieder vor und sang auch schon mal dabei. Der „Burggraf“ war ein Gemütsmensch. Ihn brachte man nicht aus der Ruhe. Wen wundert es, dass er 100 Jahre alt wurde?! Bei seiner Trauerfeier sang man Mutter-Gottes-Lieder – das hatte er sich so gewünscht.

Erinnerung von Franz Josef Blümling

Josef Braun und ...
 
 
... Alfons Mentges, zwei begnadete Naturtalente
   
Dem Täter auf der Spur

war man schnell. Alfred Kaufmann und sein Vater Fritz waren im Frühjahr 1946 dabei, Kriegsschäden am Haus zu reparieren. Dazu benötigten sie Zement. Aber: Woher nehmen und nicht stehlen?

Da gab es durchaus eine Lösung! Im Neefer Tunnel hatte die Firma Maier ihr Vorratslager. Diese Baufirma reparierte die Ellerer Brücke, die im Krieg zerstört worden war. Im Tunnel lagerten auch Zementsäcke, das wusste man. Und scheinbar wurde das Lager schlecht kontrolliert.

So machten sich Alfred und Vater Fritz bei Nacht und Nebel auf und zogen eine Karre über die „Haustert“ bis zum „Scheißbogen“. (Diese Unterführung nannte man mit Recht so.) Dort stellte man die Karre ab. Mit einer Karbidlampe ging man in das Lager und entwendete zwei Säcke des benötigten Materials. Mehr brauchte man nicht.

Das ganze Unterfangen wickelte sich reibungslos ab. Zu Hause stellte man die beladene Karre in den Schuppen. Zufrieden konnte man schlafen gehen. Am frühen Morgen pochte es nun heftig an der Haustür. „Die Polizei!“ Es war der Bohne-Pitter, der von den Franzosen als Ordnungshüter eingesetzt worden war.

„Ihr habt Zement im Tunnel geklaut!“ rief er. Wie war denn so was möglich?

Kein Mensch konnte uns gesehen haben? Des Rätsels Lösung: Wir hatten einen Sack auf eine Nagelspitze, die aus der Karre ragte, gelegt, und so rieselte vom „Scheißbogen“ an bis zum Schuppen der Zement leicht aber stetig auf die Erde. Es bildete sich so eine deutliche Spur, die auch jedes Kind zum Täter geführt hätte.

Da gab es kein Leugnen. Mit Besen und Schippe wurde die Spur in aller Schnelle beseitigt. Der Pitter bekam eine Flasche Schnaps und zwei Flaschen Wein. So fiel ein strenges Polizei-Verhör aus, und mit dem Rest des Zementes konnte die Reparatur am Hause doch noch ausgeführt werden.

Überliefert von Alfred Kaufmann, Neef

Fritz ...
 
 
... und Alfred Kaufmann, ein gutes Team
   
Die Vortäuschung einer falschen Tatsache

Es mögen 65 Jahre her sein, als ich einmal wieder bei meinen Verwandten in Neef Urlaub machte. Kaum war ich da, und schon schickte mich mein Onkel mit zwei vollen Wasser-Kannen zum Friedhof auf den Petersberg, um dort die Pflanzen auf den Gräbern meiner Ahnen zu gießen. Das war für mich, als Städtermädchen aus dem Flachland, 16 Jahre alt, sehr mühselig. Ich kannte den steilen und holprigen „Totenweg“, der zum Friedhof führte, aus früherer Zeit all zu gut. Als ich mit den Kannen dorthin kam, wo der steile Weg begann, schüttete ich die Behälter bis auf einen kleinen Rest in den Weinberg und ging leicht locker zum Petersberg hoch. Dort angelangt, gab ich mich nach Außen hin so, als würde ich eine große Last schleppen und fand prompt bei den Leuten, die auf dem Friedhof verweilten, erhebliche Anerkennung. „Ein tüchtiges und braves Städtermädchen“ – so tuschelte man untereinander und nickte mir anerkennend und freundlich zu. Nun ging ich zu den angewiesenen Gräbern; es waren drei. Dort verteilte die noch vorhandene Flüssigkeit so, dass die Pflanzen gerade mal nass wurden. Zu mehr reichte es auch nicht. Und? Mein Onkel war zufrieden mit meiner Leistung. Die Neefer Leute waren mir zugetan. Schlussendlich überstanden auch die Pflanzen eine kurze Trockenperiode ohne Problem.

Rosemarie Rennert, Berlin

Rosemarie als 16 jährige Sommerfrischlerin in Neef
   
„Gespensterklopfen“

Und das ging so: In der Dunkelheit befestigten wir an einer Türklinke mit einer Kordel eine Runkelrübe so, dass diese an der Tür schwebte. In der Mitte der Schnur verknoteten wir einen stabilen Zwirnfaden. Dieser reichte bis hin zu einem sicheren Versteck. Dann zogen wir den Zwirnfaden an und gaben ruckartig wieder nach. So flog die Runkelrübe dumpf und nicht ganz leise gegen die Türe. Dies machten wir so lange, bis jemand brüllend an der Tür erschien und die „Saupens“ in die Hölle wünschte. Wir zogen den Zwirnfaden so an, dass er riss und keine Spur hinterließ.

Eigentlich machten wir diesen Streich nur dort, wo es sich lohnte – wenn wir also wussten, dass das „Opfer“ leicht erregbar war. Als wir nämlich beim "Mille Lang" en Rummel (beim langen Müllen eine Runkelrübe) an die Tür hängten, passierte nichts Aufregendes. Er kam raus, schnitt die Rummel ab und sagte nur "Die homma moal weer im soss" (Die haben wir einmal wieder umsonst). Natürlich machten wir bei ihm nie wieder „Gespensterklopfen“. Beim „Mille Lang“ machte es wirklich keinen Spaß.

So erzählt von Hans Knipp und Jürgen Bremm, Neef

 
 
   
Wenn auch die Jahre vergehen,
bleibt doch die Erinnerung wach!

Wenn ich in Neef meine Schulferien verbrachte, wurde ich von meinen Eltern in Halle a. d. Saale in einen Zug gesetzt und hatte ein Schildchen um den Hals hängen, worauf meine Reiseroute stand. Ich hatte dann nie Schwierigkeiten, mit Hilfe von Mitreisenden oder vom Fahrpersonal Neef zu erreichen. Dort wurde ich dann immer sehr freundlich in Empfang genommen und war entweder bei der Familie von Onkel Rudolf oder von Onkel Josef untergebracht. So manche amüsant Anekdote ist mir in guter Erinnerung geblieben.

Onkel Rudolf hatte eine Bäckerei mit einem Ladengeschäft. Dort durfte ich auch schon mal Verkäuferin sein. Einmal fiel einem Kunden ein Stück Torte auf den Boden. Meine Liss-Tante hatte nichts dagegen, als die Kundin die Torte aufhob und verzehrte. Sie brauchte für den Kuchen nichts zu bezahlen.

„Das kann passieren“ – meinte meine Tante. So fiel auch mir schon mal ein Stück Kuchen hin und ließ ihn mir, wenn es auch etwas verdreckt war, gut schmecken.

Mein Onkel hatte einen Schimmel im Stall stehen. Dieser war für ihn bei der Bebauung und Beerntung der Weinberge sehr von Nutzen. Das Pferd wurde dann einem vierrädrigen Wagen vorgespannt. Oft war der Wagen mit der ganzen Familie voll geladen und wir sangen dann "Hab mein Wage, voll gelade ..."

Ein besonderes Erlebnis war es aber gewesen, wenn ich auf der Kutsche mit zu den Nachbarorten fahren durfte. Ich saß dann mit vorne auf dem Kutscherbock.

In Aldegund und Bremm hatte mein Onkel eine Filiale. Dorthin lieferte er Brot und sonstiges Gebäck. Einmal saß ich mit meinem Cousin Alois auf dem Kutscherbock, und wir setzten mit der Fähre zur anderen Moselseite über.

Alois hatte sich frisch rasiert und roch nach Nivea-Creme – damals ein kleiner Luxus und für mich ein Beweis dafür, welch großen Wert Alois auf seine Körperpflege legte. Auch fand ich Alois sehr männlich und stark. Er hatte zudem auch so pechschwarze Haare wie ich sie hatte. All dies beeindruckte mich so sehr, dass ich mich in dieses gestandene „Mannsbild“ richtig verliebte. Und so waren einmal meine Gedanken ganz bei ihm, als ich im Garten im Gebüsch Himbeeren pflückte. Die Hecke war so üppig, dass ich mir vorstellte, ich wäre im Wald. So sang ich voller Inbrunst mit heller Stimme: „Vilja o Vilja du Waldmägdelein, fass’ mich und lass’ mich dein Traumliebster sein!“ (Diese Passage aus der „Lustigen Witwe“ von Lehár sang meine Mutter oft und war ihr Lieblingslied.) „Was kannst Du aber schön singen!“ – hörte ich eine Stimme. Und wer stand hinter mir? Mein heimlicher Schatz Alois! Ich wurde rot im Kopf und rannte weg. Alois lachte mir hinterher und ich schämt mich.

In Onkel Josef’s Familie wurde vor dem Essen immer lange gebetet. Als einmal das Tischgebet überhaupt nicht mehr aufhören wollte, mischte ich mich in einer Atempause des Vorbeters ein und sagte laut „Amen“. Das Tischgebet war abrupt zu Ende. Onkel Josef schaute mich böse an, während sich meine Cousinen zu grinsen wagten. Was soll’s: der Schweinebraten, der so gut roch, war nun zum Verzehr freigegeben.

Einmal schickte man mich in den Garten, um Petersilie zu holen. Als ich zurückkam und hatte Karotten-Grün in der Hand, lachte man über das „Städtermädchen“. Auch im Weinberg stellte ich mich unbeholfen an, worüber man sich auch vergnügte. Aber schlussendlich konnte ich „heften“, was mich ganz stolz machte. Was ich ziemlich schnell lernte, war das Schliddern mit Schiefersteinchen auf der Wasserfläche der Mosel. Dabei konnte ich mich sogar hervortun. Was ich jedoch nie lernte, war das Neefer Dialekt. Darüber konnte ich mich noch zu Hause amüsieren. So einige Brocken, die ich mir gemerkt hatte, konnte dann mein Vater, der ja aus Neef stammte, übersetzen.

Ja, dies alles war einmal! Die Erinnerung bleibt jedoch wach!

Rosemarie Rennert, Berlin

 
 
 
Rosemarie im gesegneten Alter von 82 Jahren
   
Beim Angeln tranken wir „Kellergeister – Gold“

Im Frühsommer war es lohnend, nach Aalen zu angeln – und das besonders in der Dunkelheit. Spärliches Licht genügte. Das lieferte uns der Mond, der Sternenhimmel oder eine Karbidlampe. Wir angelten zumeist mit mehreren Anglern zusammen und gerne in der „Lay“, also unterhalb des „Frauenberges“.

Dort, mitten im Frauenberg, hatte die Firma Drathen aus St. Aldegund eine stabile gemauerte Wingertshütte. In dieser hielten sich die Weinbergsarbeiter in Pausen oder auch bei Regengüssen auf. Irgend jemand von uns hatte beobachtet, dass die Arbeiter stets Weinflaschen aufstülpten. Da musste Wein in der Hütte vorrätig sein! Wie herankommen? Die Eingangstüre war fest verriegelt. So erklomm einer von uns das Dach, hob einige Ziegel ab und hangelte sich zwischen den Sparren in die Hütte hinein. Die Flaschen lagerten in Kisten unterhalb einer Eckbank. Es wurden einige Flaschen entwendet und herausgereicht – in Empfang genommen – Dach wieder zugedeckt – und: ein Prosit auf die Firma Drathen! Es war sogar der recht gute „Kellergeister-Gold“ – ein sprudelndes sektartiges Getränk. Es war das beste Produkt dieser Kategorie, das die Firma Drathen herstellte. Mit dieser herrlichen Erfrischung machte das Angeln noch mehr Spaß. Dies machten wir eigentlich recht häfig so, und oft waren sogar Kumpels dabei, die überhaupt nichts mit der Angelei am Hut hatten. Unser Trick sprach sich rund. So hat sogar einmal eine Gruppe von Mädels, die gerade aus der Schule entlassen wurden, diesen Trick angewandt und sich so lange an dem „Kellergeister-Gold“ gelabt haben, bis sie „blau“ gewesen waren und ihren Rausch im Ufergras ausgeschlafen hatten.

Doch dann wurde plötzlich das Depot nicht mehr nachgefüllt. Herr Drathen selbst soll es gewesen sein, dem der offenbar übermäßige Genuss des Getränkes auffiel, was er einzig und allein seinen Arbeitern zuschrieb. Diese bekamen nunmehr eine vom Chef festgesetzte Menge mit in den Neefer Frauenberg. Die Arbeiter waren sprachlos und wussten nicht, was sie sagen sollten. Hatten sie wirklich so viel gesoffen? Da hatten wohl einige aus der Kolonne übermäßigen Durst gehabt. Aber wer soll das gewesen sein?

Kurt Kreuter, der Erzähler dieses „Stückelche“, das sich Ende der 50er Jahre zugetragen hat
 
 
Noch heute steht die Wingertshütte – aber „Kellergeister Gold“ wird schon lange nicht mehr gelagert.
   
So klein ist die Welt: Zwei Neefer treffen sich in Nassau auf den Bahamas

In meiner „Sturm- und Drangzeit“ war Neef für mich zu klein. Ich träumte stets von der großen weiten Welt. Deshalb konnte mich auch niemand aufhalten, als ich schon in frühen Jahren nach Düsseldorf zog und bei der Firma Henkel arbeitete. Und dort stach mir eines Tages ein Werbeplakat der damals jungen Bundesmarine in die Augen: „Das Meer erleben – mehr erleben!“ Das war es! Umgehend meldete ich mich zur Marine und wurde auch prompt als E.v.D. (Elektriker vom Dienst) genommen.

Mein erstes Schiff war die Schulfregatte „Graf Spee.“ Für mich war es ein Luxusschiff und kein Kriegsschiff. Ein Traum wurde wahr! Es begann die Fahrt „auf den Spuren von Kolumbus“. Nach Proviant- und Materialübernahme am 5. Mai 1959 rauschten von Kiel aus ab. Zum Abschied von Deutschland spielte das Marinemusikkorps „Wem Gott will rechte Gunst erweisen ...“ Tage lang waren wir nun auf See. Erstmals legten wir in Mindello, eine Hafenstadt von Sao Vincente (Cap. Verd. Inseln), an. Danach ging es weiter zu den Inseln Curacao und Jamaika. Schließlich erreichten wir Norfolk in Virginia (USA).

Am 24. Juli trafen wir auf hoher See unser Schwesternschiff, die Schulfregatte “Hipper”. Wir machten nun gemeinsame Schießübungen. Schließlich liefen wir am 31. Juli in den Hafen von Nassau auf den Bahamas ein.

Ich erlebte eine Traumreise. Was hatte ich nicht alles in den letzten Wochen erlebt und gesehen?! Diese einmalige Flora im tropischen Klima! Ich befand mich in der märchenhaften Karibik, wo ansonsten Millionäre Urlaub machten! Tausende Kilometer weit weg von der Mosel! Wenn ich das einmal auf dem Neefer Fest am Weinbrunnen erzähle, wird man staunen!

Und es sollte noch toller kommen! Wir aalten uns gerade an Bord in der karibischen Sonne, als eine Durchsage erfolgte: „Der Bordpfarrer möchte sich mit dem E.v.D. Otto Lux treffen. In seiner Kabine traf ich einen Pater aus Gerolstein in der Eifel. „So, sie kommen von Neef an der Mosel? Ich bringe sie morgen mit dem berühmten Professor und Schriftsteller Pater Josef Kreuter zusammen“. Unglaublich! Das war jener „Bindges Jippes“, der nach Kalifornien ausgewandert war und bei dem ich in Neef ein halbes Jahr am Seitenaltar die Messe gedient hatte. Als sein Vater gestorben war, fuhr er wieder zurück nach den USA.

Wir, es waren 10 Katholiken, wurden am folgenden Tag mit einem Kleinbus abgeholt. Jener Professor Pater Kreuter begrüßte mich sehr herzlich. Ich musste ihm Neuigkeiten aus Neef erzählen, was ihn sehr interessierte. Und nun zeigten uns die beiden Geistlichkeiten zuerst ihr Kloster "zur lieben Frau von Fatima" und dann die ganze Insel. Beeindruckend war auch das Kolumbus-Denkmal. Hier also hatte Christoph Kolumbus 1492 angelegt und geglaubt, er wäre in Indien. Nunmehr hatten sich Einwanderer aus vielen Regionen hier angesiedelt und auch mit Ureinwohnern vermischt. So gab es hier keine einheitlichen Menschenrassen und auch viele Religionen und Sekten. „Sonntags stehen Geistliche Herren vor ihren Gotteshäusern und laden die Leute zum Messebesuch ein“ – so wurden wir informiert. Auch wir besuchten einen Gottesdienst und den hielt Prof. Kreuter ab. Der Pater aus Gerolstein hielt eine eindrucksvolle Predigt – extra für uns in deutscher Sprache. Anschließend wurden wir in das feinste Hotel von Nassau zu einem Candelight (Diner) eingeladen. Spät am Abend trugen wir dann Deutsche Karnevalslieder vor, worum man und gebeten hatte. Wir waren dort die ersten Deutschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder dieses Land besuchen durften. Das alles hatten wir dem „Bindges Jippes“ zu verdanken.

Das Erlebte konnte ich nicht schnell genug meiner Mutter in Neef berichten.
Der Bruder vom „Bindges Jippes“, der Josef Kreuter, in Neef „Zuckerhannes“ genannt, wurde von meiner Mutter umgehend informiert. Er war unser Nachbar in Neef. Doch der glaubte von meinen Berichten kein einziges Wort. „Der Lux lügt wie gedruckt! Mein Bruder ist doch gar nicht auf den Bahamas, der ist doch in Kalifornien!“ Meine Mutter war nun sehr traurig und glaubte mir erst, als ich später in Neef auf Urlaub war weitere Einzelheiten erzählte und auch Fotos vorzeigen konnte.

Kolumbus-Denkmal
 
 
Otto Lux und
Prof. Pater Kreuter (mit Hut)
 
 
Kloster "zur lieben Frau von Fatima"
   
Weshalb wir gegen die Fußball-Mannschaft von Lötzbeuren doch noch klar verloren

Im Jahr 1954 hatten wir in Neef eine Starmannschaft. Wir strebten den Aufstieg an.

Auf dem Foto jener Mannschaft sieht man von links nach rechts in der oberen Reihe den Kurt Kreuter. Er war ein Athlet, wie er im Buche steht. Daneben erkennt man der Walter Nelius, den man mit dem großen Fritz Walter verglich.

Heinz Bergen daneben hatte war zwar nicht der große Techniker am Ball, hatte jedoch eine Bombenkondition. Dann bin ich zu sehen. Meine Spezialität waren die Dribblings. Damit brachte ich manchen Gegenspieler zur Verzweifelung.

Der Gerhard Supplieth war schnell wie ein Wiesel, was seine Torgefährlichkeit zur Folge hatte. In der Mitte sieht man den Gerhard Haas, den Kurt Nelius und den Karl-Heinz Krämer. Jeder ein Garant! Gemeinsam beherrschten sie souverän das Mittelfeld – ein abgeklärtes Team. In der unteren Reihe ist die Abwehr der Mannschaft zu sehen. Franz Josef Kaufmann stand hinten stabil wie eine deutsche Eiche. Tormann Michel Formella hechtete katzenähnlich den Bällen nach. Egon Bergen wurde wegen seiner Verbissen- und Zähigkeit „Gummi“ genannt.

Die Lötzbeurener wollten wir planmäßig einsacken. Sie standen nach Punkten in der Tabelle weit hinter uns, hatten Mühe sich in der Tabelle zu behaupten und kämpften gegen den Abstieg. Wir spielten in Lötzbeuren auf dem Hunsrück.

Der Sportplatz lag ganz in der Nähe der Einflugschneise des Flugplatzes Hahn, auf dem US-Streitkräfte stationiert waren.

Wir führten schon mit 4 : 1. Und dann passierte das Unvorhersehbare: Wie ein UFO aus dem Weltall schoss plötzlich ein Düsenjäger mit höllischem Krach auf uns zu und donnerte höchstens 100 m über unsere Köpfe hinweg. Wir kannten so etwas nicht. Wir hatten noch nie so ein fliegendes Ungetüm gesehen. Jeder von uns gaffte nach oben wie ein „Hans guck in die Luft“. Es landeten noch mehr solcher Jet’s! Unser Gegner nutzte dies gnadenlos aus und schossen in solche Situationen ein Tor nach dem anderen. So verloren wir schließlich sang- und klanglos noch 7 : 4!

Ob diese Hunsrücker, die ja als Schlitzohren bekannt sind, mit den Amis in deren Casino diese Flugübung bei einem Bier abgesprochen hatten, konnte man nur vermuten – war aber nicht nachzuweisen. So war es auch sinnlos, einen Protest beim Sportgericht einzuleiten. Letztlich stieg Lötzbeuren nicht ab – wir aber auch nicht auf.

Überliefert von Karl Heinz Kreuter, Neef

Die ansonsten so erfolgreiche Mannschaft aus jenem Jahr 1954
 
 
Mit höllischem Krach donnerten die Ungetüme über unserer Köpfe hinweg.
   
Wie mein Rabe Jakob dem Lehrer Höhnen in’s Klavier schiss

Ich wohnte ganz in der Nähe des Neefer Schulhauses, in dem auch unser Lehrer Höhnen zu Hause war. Herr Höhnen war ein leidenschaftlicher Musiker. Oft, wenn sein Schuldienst beendet war und er sein Mittagsschläfchen gehalten hatte, setzte er sich ans Klavier und spielte zu seiner und auch anderer Ergötzung, was die Tasten so her gaben. Und wenn es draußen warmes Wetter war, dann geschah dies auch bei geöffnetem Fenster.

Ich hatte einen gezähmten Raben, den ich Jacob nannte. Er glänzte eher durch sein Pfiffigkeit als durch seine Schönheit. Seine Leidenschaft war die Klauerei. Alles, was glänzte und nicht niet- und nagelfest war, schleppte er an. Vor Menschen hatte er keine Scheu. Er flog frei herum und dachte nicht daran, bei seinen Artgenossen in der freien Wildnis unterzutauchen. Dazu ging es ihm bei uns zu viel zu gut.

Als Lehrer Höhnen wieder einmal Klavier spielte, flog Jakob in sein Zimmer hinein und setzte sich auf das Klavier. „Na, du alter Strauchdieb, heute einmal in Sache Kultur unterwegs? Gefällt Dir meine Musik?“ wurde Jakob freundlich begrüßt. Dieser jedoch hob nach einer Zeit sein Hinterteil hoch - und schiss in einem hohen feuchten Strahl direkt auf die Tastatur des Klaviers. „Aber nun raus – du Strauchdieb! - du Drecksvieh!“ Mit krächzenden Rabengeschrei flog dieses aufgebraust von dannen. Lehrer Höhnen hatte jedoch nicht nur an diesem Tag seinen musischen Zeitvertreib einstellen müssen.

Erst Tage später, als ein Spezialist die Tastatur von dem ätzenden Fäkal gereinigt hatte, war das Klavier wieder bespielbar.

Jugenderinnerung von Eduard Mentges, Neef

 
 
   
Und so bildete sich der Flötenchor „Klingson“

Wir waren ein Gruppe von 5 Knirpsen und so um die 10 Jahre alt. Da wir in irgend einer Weise für Neef einen kulturellen Beitrag leisten wollten, gründeten wir einen Flötenchor. Dies geschah im Jahre 1948.

Zur konstituierenden Gründerversammlung fanden sich meine Wenigkeit, Werner Nelius, Hermann Josef Holzknecht, Franz Josef Kaufmann und Franz Josef Blümling zusammen. Ich wurde einstimmig zum Chorleiter bestimmt, da ich Klavierunterricht bekam und somit in Sache Musik eine gewisse Vorkenntnis hatte. Auf die anderen Chormitglieder wurden die Positionen stellvertretender Chorleiter, Schriftführer, Kassenwart und Notenwart verteilt. Ein anfängliches Kompetenzgerangel war damit beigelegt.

Bei der Namensvergabe war man sich von Anfang an nicht so richtig einig.
Einige wollen den Chor „Frohsinn“ nennen. Das war den anderen jedoch zu bieder. Schließlich nannten wir den neugegründeten Verein „Klingson“. Es gab nämlich einen Musikverlag, der sich auch so nannte, und das hatte sicherlich einen Grund. Der Name klang professionell. Gut klingen sollte schließlich auch unsere künftige Flötenmusik. Übrigens hat uns dieser Musikverlag im Nachhinein nie verklagt, weil wir den Namen ja doch mehr oder weniger geklaut hatten. Vielleicht sah man in uns auch einen guten und kostenlosen Werbeträger?!

Den Beitrag setzten wir auf monatlich 50 Pfennige fest. Das war zu jener Zeit nicht wenig. Zahlte uns doch z. B. Pfarrer Rauber für eine Woche Messedienst und zusätzlichem Glockenläuten 40 Pfennige.

Als Startkapital zahlten wir einige Beiträge im Voraus. So konnten wir schon einmal einiges Notenmaterial bestellen. Die Flöten waren entweder schon vorhanden, oder mussten vom Privatvermögen der einzelnen Chormitglieder angeschafft werden.

Zuerst übten wir im Wohnzimmer meiner Eltern. Später stellten uns die Eltern von H. J. Holzknecht einen eigenen Raum in ihrem Haus zur Verfügung. Es befand sich im ersten Stock. Im Winter mussten wir zum beheizen des Ofens Holz mit bringen.

Wir probten jede Woche. Nachdem die Tonleiter saß, spielten wir schon bald „Die schöne Müllerin“. Unser erster öffentliche Auftritt war in der Mitternachtsmette. Recht gekonnt spielten wir „O du fröhliche – o du selige ....“ und „Kommet ihr Hirten ...“. Wir bekamen große Anerkennung von den Leuten.

Der Flötenchor „Klingson“ existierte nur einige Jahre. Mit zunehmenden Alter bekamen wir andere Interessen, und der Verein löste sich auf. Schade! Was hätte aus uns noch alles werden können?!

Ein Erlebnis aus der Kinderzeit erzählt von Eduard Mentges, Neef

Chefdirigent vom Flötenchor "Klingson" E. Mentges
   
Mit der Lore nach Bullay ins Kino

Zur Ausstattung der Brückebaufirma Meyer, die in den Jahren nach dem letzten Krieg die Ellerer Brücke reparierte, gehörte auch eine Lore. Dies war ein einfaches vierrädriges Schienenfahrzeug womit Baumaterialien mit menschlicher Schiebekraft zur Baustelle transportiert wurden. Sonntags ruhte die Baustelle, und die Lore stand dann unbeansprucht frei darum.

In Bullay wurden sonntags Filme gezeigt. Das Interesse, diese zu sehen, war recht groß. Aber wie dorthin kommen? Mit der Lore! Diese „lieh“ man sich klammheimlich aus. Bis zu 15 Leute hatten auf ihr Platz. Meine Schwester Margarethe nahm mich einmal mit, da es eine Vorstellung gab, die auch Kinder sehen durften.

Vier Burschen schoben jeweils das stählerne Unikum. Wenn ein gewisses Tempo erreicht war, sprangen sie auf das Gefährt. Wurde dies wieder langsam, wurde ein anderes Quartett tätig. Auf der Fahrt wurde so manche Flasche Wein geköpft. Mit viel Jux und Gelächter erreichten wir schließlich Bullay. Dann eilten wir zum Kinosaal der Eheleute Metzen. Dort stand schon eine ganze Schlage von Leuten, die auf den Einlass warteten. Eine Aufführung lief noch.

Endlich war es so weit. Wir saßen auf den Plätzen. Ein Gong erklang. Der Vorhang ging auf. Nun wurde ein Heimatfilm in Schwarz-Weiß vorgeführt. Die Leute waren alle voll beim Geschehen, was man an ihren Reaktionen merkte.

Dann gab es eine Halbzeit, in welcher zurückgespult und neu aufgelegt wurde.

Während dieser Zeit ging man hinaus. An einer Theke konnte man ein Getränk zu sich nehmen. Am Klo stand man Schlange. Einige labten sich auch am mitgebrachten Butterbrot. Nach einer Weile erklang wieder der Gong, und dann kam der zweite Teil.

Die Neef-Truppe zog schließlich wieder zum Bullayer Bahnhof, wo ja die Lore abgestellt war. Man saß auf und abwärts ging’s - schon fast in Schussfahrt.

Der „Bremser vom Dienst“ hatte alle Mühe, das Gefährt unter Kontrolle zu halten. Am Neefer Bahnhof angekommen, hieß es dann „alle aussteigen – Endstation!“ Darüber wurde noch einmal kräftig gelacht, und ein schöner Sonntag-Nachmittag ging zu Ende. Schließlich brachten noch zwei Jungs das „Passagierfahrzeug“ wieder an Ort und Stelle, und am kommenden Montag stand dann die Lore wieder für die Firma Meyer zu Diensten.

Miterlebt von F.J. Blümling

Meine Schwester Margarethe
   
Der perfekte Esel

Es war an einem Samstagnachmittag. Die harte Arbeit im Weinberg war für diese Woche getan. Da konnte man sich schon mal aus der privaten Schatzkammer im Keller eine gute Flasche genehmigen. Das hatte man sich verdient. Endlich Feierabend! Das Lied summend „Das ist der Tag des Herrn ....“ kam jener Winzer dann in die Küche.

Wenn nun die Frau krakeelte, weil sie vom guten Wein noch nicht einmal ein Gläschen abbekommen hatte obwohl sie auch viel geschuftet hatte, weil die dreckigen Klamotten einfach so hingeschmissen wurden, die Dreckschuhe Spuren hinterlassen hatten, oder weil man nicht richtig zuhörte, oder das gute Essen nicht gewürdigt wurde, dann kann man verstehen, wenn der Angemeckerte den Hut nahm. „Esch gieh zom Boartschapper“ (Ich gehe zum Bart-Rasierer / Friseur), so lautete die kurze Verabschiedung. „Do woast doch recht!“ (Du warst doch erst) – überhörte er und machte sich auf den Weg zum Brauns-Jupp, dem Dorffriseur. „Ich bin doch wer! Ich stehe doch meinen Mann!“ – so schoss es ihm durch den Kopf und versuchte, sich zu beruhigen, was ihm offenbar nicht gelang.

Schlecht gelaunt und voller Aggressivität betrat er die Friseurstube. Hier reihte er sich auf einer langen Bank ein und wartete mit mehreren Männer, bis Jupp „der nächste bitte“ verlauten ließ. Keiner hatte Ungeduld. Man war unter Männern. Das tat gut. Es wurde gefrotzelt, gelacht, gelästert und krakeelt – auch auf die „Alte“ geschimpft.

Der Kreuter-Franz, der Jäger von Neef, saß auf dem Frisörstuhl. Der gedemütigte Winzer hatte seine Gereiztheit noch zu entladen und fand im Franz ein Opfer. So fing er an, über ihn zu lästern: „Die wenigen Haare, die du noch hast, kann dir auch deine Frau mit einer Nagelschere zu Hause schneiden!“ - keine Reaktion! - „Dabei sollte sie aber eine Lupe nehmen, damit sie auch alle Haare findet!“ – immer noch keine Erwiderung! - „Mit einer Pinzette kann sie dir ja einen Scheitel legen: vier Haare nach rechts und drei Haare nach links!“ – Franz blieb weiter still. - „Bei so wenig Haaren zahlst du doch sicher nur den Kindertarif.“ – Der Kopf vom Franz wurde nun so langsam rot! – „Nur wegen deiner langen Ohren bekamst du doch den Jagdschein!“ Und den Anwesenden erklärte er: „Wenn der Franz seine Ohren aufklappt, macht er auf 1000 m Entfernung einen Keiler aus, wenn dieser lautstark seine Sau rammelt!“ – Franzes Kopf wurde knallrot! - „Jupp, pass auf, dass du ihm nicht die Ohren abschneidest! Dann verliert er seinen Schein. Vielleicht benötigt auch unsere Theatergruppe irgendwann einmal einen Esel auf der Bühne! Und den könnte doch hier in Neef nur der Franz spielen!“ Das brachte das Fass zum überlaufen. Franz drehte sich ruckartig um und erwiderte lautstark. „Jetzt reicht’s: ja, meine Ohren und dein Verstand, das gäbe den perfekten Esel!“ Es gab ein riesiges Gelächter im Raum und der genervte Winzer nahm einmal wieder seinen Hut und ging unverrichteter Dinge in die nahe gelegene Wirtschaft. Dort soll er lange an der Theke in gedrückter Haltung gesessen und vor sich hingedöst haben. Dabei sprach er ordentlich dem Alkohol zu, was sicherlich nicht dazu führte, dass er später von seiner Frau mit Begeisterung empfangen wurde.

Es war heute doch nicht sein Tag!

Überliefert von Kurt Bergen und vom Autor dieser Chronik

Ein Hut verdeckt die "Haarpracht" vom Franz Kreuter. Seine großen Ohren sind jedoch zu erkennen.
   
Ein misslungener kultureller Beitrag
in der Zeit nach dem Krieg

Nach den schlimmen und entbehrungsreichen Kriegsjahren dürstete das Volk förmlich nach anspruchsvoller Unterhaltung und Kultur. So wurde auch in unserem Dorf Theater gespielt, woran sich jedoch hauptsächlich die Erwachsenen laben durften. Auch gab es ab und zu Filmvorführungen – allerdings auch wiederum nur für die Grossen.

Mein Freund Erich und ich, wir waren 8 Jahre alt, sahen es in dieser Situation als einen Wink des Schicksals, auf dem Speicher von Erichs Onkel, den auch ich Onkel Heinrich nannte, einen Film-Projektor vorgefunden zu haben. Zu dem Projektor gehörten zwei runde Glasscheiben, auf denen sich am Rande jeweils 12 Bilder befanden. Heute würde man dazu Dia-Positive sagen.

Die Glasscheiben wurde in den Projektor eingelegt und ließen sich drehen. Zündete man dann eine im Apparat befindliche Petroleum-Lampe an, wurde an der Wand das entsprechende Bild ersichtlich.

Die Qualität des ausgeworfenen Bildes richtete sich nach der Feuerflamme. So konnte das wiedergegebene Bild flackern oder auch durch Rauch eine bestimmte Note erhalten. Auch wurde das wiedergegebene Bild durch den Russ der Flamme schnell dunkler, was einen zusätzlichen gespenstigen Eindruck bewirkte. Wir beschlossen, diese Bilder vorzuführen. Als Themen konnten wir „Christus fährt in den Himmel auf“ und „Bei den Wilden in Afrika“ anbieten.

Onkel Heinrich war Gastwirt und hatte neben einem großen Tanzsaal auch einen kleineren Raum für sonstige kleinere Veranstaltungen. Letztere Lokalität schien uns für eine Vorführung geeignet. Onkel Heinrich grinste bei seiner Zustimmung, was wir aber nicht zu deuten wussten. Vermutlich stellte er unsere Handlungsfähigkeit zu einem solchen Unterfangen in Frage. Bei den Kindern machten wir nun Reklame für die Veranstaltung. Die Resonanz lag, entsprechend dem Trend der Zeit, über unserer Erwartung. Es kamen nicht nur Kinder unseres Alters, sondern auch sogenannte Kleinkinder, die von ihren Eltern liebevoll unserer Obhut anvertraut wurden. Der Eintritt kostete einen Groschen.

Brav saß man in Reihen mit dem Blick zur weißen Kalkwand hin gerichtet. Der Raum wurde verdunkelt. Die Vorführung begann. „Christus Himmelfahrt“ erweckte Eindruck, zumal die Filmleitung noch einige sachliche und persönliche Erklärungen hinzu geben konnte. Aber, „Bei den Wilden in Afrika “, als ein furchterregender „Wilder“ mit starren Augen und einen Ring durch die Nase gesteckt an der Wand erschien und diese Wiedergabe auch noch von der schon etwas geschwärzten Linse und der flackernden Petroleumflamme beeinträchtigt wurde, brach das absolute Chaos aus. Besonders die Kleinkinder spielten verrückt. Sie schrieen vor Angst und wollten zur Mutti.

Die Veranstaltung geriet aus den Fugen. Kein Kind saß mehr auf seinem Platz.

Stühle kippten um, und der Projektor wackelte, was das Bild an der Wand wiederum noch eindrucksvoller werden ließ. Auch die schon etwas betagteren Kinder verloren die Fassung. Noch mehr Gebrülle! Schnell schoben wir die Fenstervorhänge beiseite. Das gesamte Publikum stürzte aus dem Vorführraum.

Erich und ich standen da wie zwei begossenen Pudel. Die Veranstaltung war misslungen, zumal später auch noch die Mütter der Kinder zu uns kamen und wollten das Eintrittsgeld zurückhaben, was wir aus Toleranz auch taten. Wir hatten danach nie wieder eine Filmvorführung.

Überliefert von Franz Josef Blümling

 
 
   
Die Fährbude

Wenn der Ferger (Fährmann) nicht übersetzte, hielt er sich in der Fährbude auf. Sie stand unterhalb der Fährstraße.

Der Ferger hatte oft Besuch in seiner Bude, wo gezecht, geschwätzt, gelästert, gekartet, die Welt verbessert und die Weiber beschimpft wurden.

Der Aufenthalt in der Fährbude war reine Männersache. Besonders in der kalten und dunklen Jahreszeit war die Bude oft gerammelt voll. Dann war es hier besonders gemütlich. Man saß auf Bänken um den Kanonenofen. Es brannte die Petroleumlampe, und das Pfeifchen schmeckte bei dieser Atmosphäre besonders gut. Wenn dann von der anderen Moselseite der Ferger mit dem Ruf „hohl über!“ belästigt wurde, reagiert er mit Unbehagen, was der Fährgast auch oft zu spüren bekam. Und wenn sich der Besucher der Fährbude zu lange vom heimischen Herd entfernt hatte und torkelnd seiner Geliebten gegenüberstand, da bekam er kräftig die Leviten gelesen.

Überliefert von Hans Gietzen, Neef

 
 
   
Sondermüll-Entsorgung anno dazumal

Ich weiß noch genau, wie es war. So geschehen im November des Jahres 1944: Eduard Bremm und ich, Otto Lux, waren 12 und 11 Jahre alt. Ende September 1944 waren in Neef zum ersten Mal Bomben gefallen. Deshalb bauten viele Familien im Bachtal "Hütten" als Notunterkünfte. Auch die Bremms ließen dort eine "Hütte" errichten. Nun hatten die Bremms geschlachtet. Am frühen Nachmittag wurde Eduard losgeschickt, den Arbeitern im Bachtal einen Korb mit Wurst und Wurstsuppe zu bringen, und da ich nichts besseres vor hatte, wollte ich mit ihm gehen. Vielleicht fiel für die Überbringer ja auch noch ein Stück Wurst ab.

Es hatte geschneit und der Boden war gefroren. Wir hatten kaum das Gässchen, das zu Bremm’s Hintereingang führte, verlassen, als sich über uns plötzlich eine Tür öffnete und der Habits Thummes (Er hieß eigentlich Thomas Kreuter und wohnte dort zusammen mit seiner Schwägerin, der Frau seines verstorbenen Bruders, die Habits Jul genannt wurde) den Inhalt eines „Scheeßämers“ (Eimer, in dem die menschlichen Hinterlassenschaften aus den hinteren Körperteilen der letzten 24 Stunden aufgesammelt wurden) von seiner Terrasse aus in einem hohen Bogen in die Gosse schütten wollte – aber vorerst, schon fast zielgenau, den Rücken von Eduard und leider auch die guten Sachen im Korb traf. Thummes tat dies auf Geheiß seiner Schwägerin. Er selbst sah nicht mehr gut. Zu dem entstandenen Missgeschick gab es also keine Absicht.

Eduard lief heulend nach Hause. Ich, der von alledem verschont blieb, konnte nur noch wahrnehmen, wie im Hause Bremm spontan eine große Hektik mit Gebrülle und Getobe entstand. Wer auf wen geschimpft hat, konnte ich nicht feststellen. Und wann und was die Arbeiter im Bachtal schließlich als Essen bekamen, habe ich auch nicht erfahren.

Überliefert von Otto Lux, Neef

Anmerkung des Chronisten:
Die Habits Jul trug immer eine Habit / ein Kopftuch. Deshalb nannte man sie Habits Jul.

 
 
   
Der pflichtbewusste Feuerwehrmann

Anfang der 50er Jahre brannte es in Neef. Und wenn es brannte, war der „Schuls Jupp“ (seine ganze Sippe hatte den Beinamen „Schul“ – irgend einer daraus war einmal Schul-Lehrer gewesen) zuständig für die Alarmierung. Ihm hatte man das Feuerwehrhorn anvertraut. Auf diese Zuständigkeit war er stolz, hatte ihm doch die letzte Jahreshauptversammlung der Wehr dazu einstimmig die Befugnis gegeben.

Es war mitten in der Nacht, als ihm der Brand mitgeteilt wurde. Jupp nahm das Feuerwehrhorn und rannte, nur provisorisch angezogen, los und blies Alarm. Keine Straßenlampe brannte. Es war stockdunkel. Nun war auf der Moselstraße eine Grube ausgehoben. Vom Aushub lag seitlich ein Haufen („Hoppe“) Erde. Josef stolperte darüber und fiel in die Grube hinein. Er war verletzt und kam in seinem Zustand nicht mehr alleine hinaus. So blies und blies er weiter im Loch drinnen. Endlich kam der „Metzger Hein“ (Heinrich Nelius – Vorfahren waren Metzger und Hauschlächter) angerannt und fragte, was los wäre. Er hatte bemerkt, dass das Alarmzeichen nur noch von einer Stelle aus abgegeben wurde. Jupp warf das Horn dem Hein zu und schrie: „Hej, hol dat Ding, esch kann net mi, sen iwer de Hoppe gestolpert und hej ren gefahl.“ Der Feueralarm wurde vom Hein fortgesetzt und der „Schuls Jupp“ hieß seither nur noch „Schuls Hoppe“.

Erzählt von Alfons Kreuter, Neef

 
   
Die Strafe für das Rauchen und wie ich diese leicht verbüßte

Kaum war die Weinlese beendet, begannen wir Buben für das Martinsfeuer Holz zu sammeln. Da sich die Stelle für das Martinsfeuer hoch oben auf dem Berg befand, suchten wir das Holz im nahen Wald zusammen. Wir waren also unbeaufsichtigt in der freien Natur. Dies war die beste Gelegenheit zu rauchen, was für uns Pens streng verboten war. Unsere Glimmstängel bestanden aus zerkrümelten trockenen Brombeer- oder auch Kirsch-Blättern, die wir in einem Papier, zumeist war es Zeitungspapier, einwickelten.

Einmal beobachteten uns Mädchen beim Rauchen. Diese verpetzten uns prompt beim Lehrer Höhnen. Als Strafe mussten wir 50mal schreiben:
„Ich habe beim Sammeln von Holz für das Martinsfeuer geraucht. Dies tut mir leid. Ich werde es nie mehr wieder tun“.

Ich wusste mir zu helfen und schrieb den Satz nur zweimal. Danach vermerkte ich: u.s.w., u.s.w.

Herr Höhnen zeigte Humor und erzählte dies lachend der ganzen Klasse. Aber nochmals wollte er die List nicht gelten lassen.

So geschehen im Jahre 1948.

Überliefert von Jürgen Bremm, Bad Kreuznach

 
 
   
Das Neefer Moselhöhenstadion

Es lag hoch oben auf dem Berg „of da Hiecht“ (auf der Höhe). Einige grobe Holzbänke boten ca. 20 Sitzplätze. An Stehplätzen dürften es etwa 100 gewesen sein, die sich rund um das Spielfeld verteilten. Zu erreichen war die Anlage über einen Pfad, der erst durch die Weinberge und dann durch Hecken und Gestrüpp verlief; ein holpriger Feldweg ließ auch einen Traktor die Sportanlage erreichen.


Das Bild von Alfons Kreuter zeigt die erste Neefer Fußballmannschaft von 1923: v. L. stehend: Albert Kreuter, Felix Bremm, Josef Gietzen, Josef Löscher Jakob Sonntag, Leo Bremm v. l. kniend: Ludwig Gietzen, Karl Müllen, Alois Gietzen v.l. sitzend: Hermann Nelius, Willi Schmitz, Albert Croeff

Weshalb der Sportplatz auf dem Berg lag, mag in erster Linie daran gelegen haben, dass der Fußball in den 20er Jahren noch längst nicht die Bedeutung hatte, die er heute genießt. Und deshalb gab man unten im Tal keine wertvollen Gärten oder Wiesen frei, um ein Fußballfeld herzurichten. Es mag so um das Jahr um das Jahr 1923 gewesen sein, als man in mühevoller Gemeinschaftsarbeit den Wald rodete und einen Sportplatz „of da Hiecht“ anlegte.

Nach dem letzten Krieg konnte der Spielbetrieb schon ziemlich schnell wieder beginnen, da der „Schuster-Lud“ (Ludwig Göbel) in der Schusterwerkstatt seines Vaters einen Lederball zurecht bastelte. Es hätte mit Sicherheit der heutigen UEFA-Norm nicht entsprochen – aber den damaligen Ansprüchen genügte er voll und ganz. Vom „Lud“ wurde der Ball auch immer wieder unentgeltlich zurecht gemacht, wenn z. B. Nähte gerissen waren. Ludwig war zudem auch ein guter Tormann und hatte in der Mannschaft einen Stammplatz.

Wenn nun dieser Ball einmal in der Hecke landete, dann gab es eine Spielunterbrechung. Spieler und Zuschauer suchten ihn. Glück hatte man, wenn er schnell gefunden wurde. Einmal war dies nicht so. Man nahm nun dem 10jährigen Manfred Nachtsheim, der auch einen Ball besaß (sein Vater war ebenfalls Schuster) und als Zuschauer anwesend war, den Ball ab. Er wehrte sich mit aller Gewalt dagegen, was aber nichts half. Daraufhin verkroch sich Manfred in die Hecke. Und tatsächlich flog ihm schon bald sein Ball zu. Diesen nahm er und ab ging es ins Tal. Er war nicht einzuholen. Das Spiel konnte nicht weiter geführt werden.

Verlief das Spiel über die zweite Halbzeit hinweg, ging der Kassierer des Vereines mit einem Hut zu den Zuschauern und kassierte. Der Eintritt kostete nur einige Groschen. Kinder zahlten die Hälfte. Wenn diese allerdings erst zur zweiten Halbzeit hochgehetzt kamen, weil sie zuvor noch bei Pfarrer Rauber die Christenlehre zu besuchen hatten, wurde kein Eintritt mehr verlangt.

Besucherrekorde gab es stets, wenn die „Bugrammer“ (St. Aldegunder) auftraten. Eine Niederlage gegen diese Elf wäre eine Blamage für den ganzen Ort gewesen.

Nach der Moselkanalisierung wurde dann unten im Tal Platz geschaffen und das „Moselhöhenstadion“ hatte ausgedient.

Überliefert von Alfons Kreuter, Eduard Bremm und vom Chronisten F.J. Blümling

 
 
   
Über die Wolllust der Neefer Grafenfrau

In der Neefer Burg, residierte dereinst Graf Gottfried von Sponheim. Kaiser Friedrich I., auch Barbarossa oder Kaiser Rotbarth genannt, hatte 1189 zum Dritten Kreuzzug aufgerufen. Wie so viele tapfere Adelmannen aus dem Trierer Reich war auch Gottfried dem Aufruf zum Kampf gegen die Heiden, die das Heilige Land besetzt hatten, gefolgt. Und zu Hause in der Neefer Burg verzehrte sich seine liebste Burgfrau und wusste vor Sehnsucht weder ein noch aus.

Der Geist der Unzucht überfiel sie und ließ sie nicht allein. Denn plötzlich war sie so in Glut versetzt, dass sie hin und her rannte und nicht stehen noch sitzen konnte, als hätte sie glühendes Eisen im Schenkel. Da sie das Feuer der Liebe nicht ertragen konnte, ging sie, ihre Keuchheit vergessend, hinab zu dem Torwächter und sprach zu ihm: „Komm mit in meine Kammer, vergesse deinen Treueschwur und liebe mich so leidenschaftlich, wie es mein Gatte täte, wenn er nur hier wäre“.

„Was sprichst du Herrin? wo ist dein Verstand? Denke an Gott! Denke an Deine Ehre!

Vom Wächter zurückgewiesen lief sie, auf Gottes Wink, zu dem nahen Fluss und sprang in das kalte Wasser. Sie blieb so lange darin sitzen, bis sie die Glut der Leidenschaft gekühlt hatte. Dann ging sie zu dem Torwächter zurück, dankte ihm für seine Weigerung und sagte:

„Auch wenn du mir 1.000 Mark Goldes gäbest, würde ich jetzt nicht dulden, um was ich Dich vorher gebeten habe.“

Literaturquelle:
Herles, Helmut - Von Geschehnissen und Wundern des Caesarius von Heisterbach

Die Neefer Burg
   
Na und?

„Herr Breyer, ich habe sie schon lange nicht mehr in der Kirche gesehen!“ - sprach unser damaliger Pfarrer Rauber (1941 – 1957) vorwurfsvoll zu unserem Dachdecker Nicolaus Breyer. – „Ich sie auch nicht Herr Pfarrer!“ – antwortete schlagfertig Nikolaus.

Überliefert von Franz Josef Blümling

Der schlagfertige Nikolaus Breyer macht mit seiner Familie einen Motorradausflug
(Bild aus dem Archiv von Kurt Bergen)
   
Weshalb es auf der Bahnstrecke so viele Pflaumen-Bäume gibt

Als 1870 Lothringen zu Deutschland kam, wurde umgehend die Bahn von Koblenz nach Metz gebaut. Sie war bereits 1878 eingleisig fertiggestellt. Zu diesem Unterfangen wurden auch viele italienische Gastarbeiter beschäftigt. Diese aßen gerne getrocknete Pflaumen, welche sie sich von zu Hause mitbrachten oder sich von dort schicken ließen. Und wenn sie während ihrer Arbeit einmal Pause machten, verzehrten sie die Früchte. Die Steine spuckten sie auf die Erde – dorthin, wo sie gerade saßen. Diese keimten auf, und Pflaumenbäume wuchsen heran. Sie pflanzten sich stets weiter fort bis zur heutigen Zeit. So gibt es solche mit Pflaumenbäumen bewachsene Stellen vielerorts an der Bahnlinie von Koblenz nach Metz - hauptsächlich dort, wo eine größere Baustelle war, wie z.B. an Bahnhöfen und in der Nähe von Brücken und Tunnels.

Zum Foto:
Am vormaligen Gerätehäuschen am Neefer Bahnhof, also dort, wo auch heute noch das „Brunnenstübchen“ klares und erfrischendes Wasser liefert, war ein guter Platz für eine preve pausa (kurze Pause). Das ganze Umfeld dort ist mit Pflaumenbäumen geradezu überwuchert. Auch im Bereich des Neefer Tunnels ist der Hang zur Gemarkung „Haustert“ hin mit auffällig vielen Pflaumenbäumen bewachsen.

Überliefert von Marion Ewald, Bullay - anlässlich einer Führung „durch das historische Neef“

 
   
Bei „Großer Gott wir loben dich ....“ ging mir fast die Puste aus

In den Jahren nach dem Krieg funktionierte unsere Orgel in der Kirche nicht immer. Das lag daran, dass es einmal wieder keinen Strom gab. Dann kam der Blasebalg in Funktion. Den musste dann zumeist ein Messdiener, der auf die Schnelle vom Altardienst abgerufen wurde, betätigen.

So wurde auch ich einmal während des Kirmes-Hochamtes als Blasebalgbediener angefordert. Der Organist, es war unser Lehrer Höhnen, wartete schon auf dem „Mannhaus“, wo die Orgel stand, auf mich. Er zeigte nur kurz auf die Blasebalgstange, die ich nun rauf und runter drücken musste, was ich auch umgehend so tat. Ich hörte an der Orgelmusik, ob ich es richtig machte – ob die Orgelpfeifen genügend Luft bekamen. Das war anstrengend, aber es ging eigentlich ganz gut. Als jedoch zum Schluss des Gottesdienstes unser Pfarrer das „Tedeum“ anstimmte und Herr Höhnen alle Register der Orgel zog und die Gläubigen voller Inbrunst „Großer Gott wir loben dich ...“ sangen, hatte ich Schwerstarbeit zu verrichten, damit das Orgelspiel nicht zu leiern anfing.

Die Männer, die neben mir schlaff auf den Bänken saßen, beobachteten mich und grinsten. „Schneller, schneller“ feuerten sie mich an. Jedoch helfen tat mir keiner! Mir kam der Schweiß. Ich war schließlich ein Knabe von 8 Jahren!

Lebte in einer Großfamilie! Und in der Schule spendierten uns die Amerikaner jeden Tag ein Schulspeisung, damit wir nicht unterernährt waren! Gott sei Dank wurde nur eine Strophe gesungen. So verrichtete ich meinen Dienst letztendlich doch noch zu aller Zufriedenheit. Aber es war nicht einfach.

Eigenes Erlebnis vom Chronisten F.J. Blümling

 
 
   
Wie der Hermann Josef Holzknecht doch noch ein brauchbarer Flötist wurde

Wenn wir vom Lehrer Höhnen schriftliche Strafarbeiten als Hausaufgabe auf bekamen, mussten wir diese auch schon mal von einem Elternteil unterschreiben lassen. Dies sollte bezwecken, dass auch unsere Eltern auf die Untaten hingewiesen wurden, um sich entsprechend verhalten zu können.

Auch sie sollten mit Strenge gegen unsere Fehlverhalten vorgehen. Es versteht sich von selbst, dass diese Methode bei uns Betroffenen keine Begeisterung auslöste. Drohte doch eine doppelte Bestrafung!

In dieser Situation ergab sich für mich jedoch eine recht brauchbare Lösung: Mein Freund Hermann Josef Holzknecht war ziemlich unmusikalisch, aber trotzdem aktives Mitglied unseres Flötenchors „Klingson“. Das Flötenspiel fiel ihm wahrlich nicht in den Schoß. Seine Mutter Barbara wollte aber unbedingt haben, dass er weiterhin als Aktiver in unserem Chor bleibt. So bat sie mich, dass ich ihm bezüglich des Flötenspieles Nachhilfestunden gab.

Der Bitte entsprach ich - wollte aber als Gegenleistung die Unterschrift von Barbara unter einer Strafarbeit haben. Lehrer Höhnen hatte mich nämlich dazu verdonnert, 50mal zu schreiben, dass ich künftig keine Kirschen mehr klauen werde. Zu Hause lebte ich mit meinen Eltern wegen eines anderen Vorkommens gerade in Unfrieden. Mutter Barbara grinste und unterschrieb prompt „gesehen: Frau Blümling“. Das funktionierte reibungslos und wurde zur Gewohnheit. Hermann wurde im Laufe der Zeit doch noch ein durchaus brauchbarer Flötist in unserem Chor.

Eigenes Erlebnis des Chronisten

 
 
   
Weshalb es im Jahr 1947 erstmals auf der Neefer Kirmes bei Kastner’s keinen „Quetsche-Kooche“ gab

Der „Hauster Pitt“ hatte einen Schäferhund, der Harras hieß. Wir wohnten in der Nachbarschaft vom „Hauster Pitt“. Dieser hieß eigentlich Peter Mentges. Seine Vorfahren wohnten im Dorfdistrikt „Hauster“.

Es war kurz vor der Neefer Kirmes. Meine Tante hatte üblicherweise einen „Quetsche-Kooche“ (Pflaumen-Kuchen) beim Bäcker Blümling backen lassen und stellte ihn zur Abkühlung auf die Terrasse. Harras hatte dies mit Interesse beobachtet. Meine Tante war kaum außer Sichtweite, als Harras auf die Terrasse sprang und den Kuchen mit großem Appetit bis auf einige kümmerliche Reste auffraß.

Der Ärger darüber war in unserem Hause groß, und zum ersten Mal in der Geschichte unserer Familie gab es auf der Neefer Kirmes nicht den obligatorischen „Quetsche-Kooche“.

Überliefert von Günter Kastner, Düsseldorf

 
 
   
Dumm gelaufen

Als das Neefer „Unterdorf“ in den letzten Kriegsjahren immer wieder bombardiert wurde, bauten auch wir uns im entfernten Bachtal eine Hütte. Dort hielten wir uns vorübergehend auf, wenn Bombenangriffe zu befürchten waren.

Der Unterschlupf war aus groben Fichtenstämmen errichtet. Die vorhandene Ritzen wurden mit Korken aus unserem Weingut abgedichtet. Darauf wurden dann Bretter genagelt. So blieb die Bude einigermaßen war. Der Winter 1944/45 war sehr kalt.

Der Krieg war zu Ende. Es begann die Hamsterzeit. Die damalige Reichsmark hatte eigentlich nur noch einen Papierwert. Der Wein war zu einer Ersatz-Währung geworden. Für Wein konnte man vieles bekommen. Mit Vorliebe erwarb man mit ihm gesalzene Heringe. Diese waren lange haltbar, gesund, nahrhaft und auch schmackhaft. Für eine Flasche Wein erhielt man drei Heringe. Hatte man nun Wein in einem Tauschgeschäft erworben, dann wurde er nicht unbedingt getrunken. Er konnte wieder und wieder gegen eine andere Ware eingetauscht werden. Schließlich konnte derjenige, der ihn trank, nicht mehr festzustellen, woher er eigentlich kam. Weil er in dieser Zeit einen so großen Stellenwert hatte, gründete sich der feste Begriff „Heringswein“.

Mein Vater hatte ein ausgesprochenes Qualitätsweingut. Er war sprachlos, als ein Mann erschien, der seinen Wein in voller Aufregung als miesen Fusel qualifizierte. Eine Probe brachte er gleich mit und sollte es auch beweisen.

Der Wein war wirklich nicht zu genießen! „Das ist nie und nimmer mein Wein!“ sagte mein Vater empört. Jedoch auf dem Korken war sein Weingut eingebrannt – ein Hinweis dafür, dass eigentlich der Wein von ihm kam. Was war passiert?

Irgend jemand wusste, dass in unserer Hütte Korken, die ihm fehlten, vorzufinden waren. Er nahm sie und verkorkte damit seinen „Heringswein“.
Dass er dazu nicht den besten Tropfen aus seinem Keller verwandt hatte, mag man noch verstehen. Dass er allerdings den „Fluppes“ (ein Gesöff, das aus den allerletzten Tresterresten und unter Verwendung von viel Wasser gewonnen wurde) abgefüllt hatte, war unverschämt. Jedoch die Unverfrorenheit gipfelte darin, dass er den „Heringswein“ mit unseren Korken verschloss!

Erst nach tiefem Nachdenken kam man darauf, wie das ganze geschehen konnte. Letztendlich schmunzelte man über das Geschehene. Es war ja auch nichts mehr zu ändern.

Ja, da war wirklich etwas dumm gelaufen!

Überliefert von Eduard Bremm jr., Neef

 
 
   
Was Brombeermarmelade nicht alles bewirken kann

Der Johann Müllen (3.5.1878 – 1.5.1956) – Krämisch Hannes genannt – lag im Ersten Weltkrieg als Soldat an der Front in den Ardennen. Die Lage war grausam und furchtbar. Johann erlebte jeden Tag höllische Grausamkeiten. Aus dieser Situation wollte er raus.

Er gab nun Bauch- und Brustweh vor und besuchte deswegen immer wieder das Lazarett. Doch dort konnte man nichts feststellen. Nun schrieb er seiner Mutter einen Brief und bat sie dringend, ihm einige Gläser Brombeermarmelade zuzuschicken – und zwar solche ohne Kerne. Die Mutter war etwas erstaunt ob des sonderbaren Wunsches - kam aber diesem umgehend nach.

Johann aß nun die ganze Sendung auf einmal auf, ging umgehend ins Lazarett. Dort musste er sich umgehend übergeben, wobei er etwas nachhalf, was ihm aber nicht schwer fiel. Das Übergebene sah nun so aus, als hätte er einen Blutsturz. Der Arzt war entsetzt und attestierten dem kranken Soldaten eine böse fortgeschrittene Lungenkrankheit. Johann wurde umgehend nach Hause geschickt. Der Krieg an der Front war für ihn vorbei.

Und trotz der attestieren Lungenkrankheit wurde Johann Müllen recht alt und starb im gesegneten Alter von 78 Jahren - an Altersschwäche.

Überliefert von Raimund Kirsch, Ediger

 
 
   
Eine andere Möglichkeit,
um nicht an die Front zu kommen

Noch heute sagt man in Merl, wenn sich jemand störrisch verhält, "de Bron läft net" (der Braun läuft nicht). Woher kommt's?

Joseph Braun (1896 – 1959), ein einfach gestrickter junger Mann aus Neef, der sich seinen Unterhalt als Tagelöhner verdiente, wurde 1918 zum Militär nach Koblenz eingezogen. Diesem Befehl kam er mit großem Widerwillen nach. Er fühlte sich nicht als Soldat geboren und zudem hatte der Erste Weltkrieg begonnen, der Schlimmes erahnen ließ.

Joseph musste in der Grundausbildung in Koblenz exerzieren. Diesen Drill mochte er überhaupt nicht. Als nun sein Gruppenleiter durchdingend rief: „Braun, lauf einmal um den Block", erwiderte Joseph laut: „Bron läft net!“.

Der Feldwebel glaubte nicht richtig zu hören. Vielleicht hatte er auch das deftige Neefer Platt nicht verstanden. Und nochmals: „Braun, einmal um den Block!“ - „Bron läft net!“ - „Sind sie nicht mehr bei Sinnen?!“ - Antwort: „Bron läft net!" – „Ab auf die Stube!“ Joseph erhielt Ausgangssperre. Auch seine Stubenkameraden waren fassungslos über das sonderbare Verhalten.

Später auf dem Exerzierplatz das gleiche Spiel: „Braun, um den Block“ - „De Bron läft net!“ Joseph kam nun aufgrund einer Befehlsverweigerung eine Woche in den Bau. Danach, wieder beim Exerzieren, das gleiche Spiel. Josef kam 14 Tage in den Bau. Er sonderte sich ab als einen Einzelgänger. Eigentlich war er doch kein Dummkopf! Verfolgte er eine Strategie? Bezweckte er etwas?. Man schüttelten über ihn nur den Kopf.

Und wiederum beim Exerzieren: „De Bron läft net!“ Schließlich musste sich Sonderling Joseph einer psychiatrischen Untersuchung unterziehen. Als der Psychiater auf jede Frage nur die Antwort erhielt „De Bron läft net!“ konnte er nach Hause fahren. Ihm war offiziell wegen „geistiger Umnachtung“ die Kriegsunfähigkeit attestiert worden – und nicht nur Joseph fühlte sich wohl dabei, sondern auch seine Braut Luise aus Merl.

Überliefert von Bernhard Nelius, Neef. Ihm wurde dieses Erlebnis von einem Stuben-Kameraden von Josef Braun, der aus Merl stammte, erzählt.

Joseph Braun, der dem schlimmen Krieg entging
   
Weshalb es auf dem Neefer Straßenweinfest den Wildschweinebraten gibt

Es war im Jahr 1977, als ich zum Zahnarzt Dr. Dusemund nach Zell musste. In einem Gespräch mit ihm teilte er mir mit, dass er gerne in Urlaub fahren würde, dieser aber in Frage gestellt wäre, weil er sich um seine zwei Wildschweine im eigenen Gehege kümmern muss. Prompt fragte er mich, ob ich diese nicht geschenkt haben möchte. Ich überlegte nicht lange und sagte zu.

Im Neefer Bachtal hatte ich ein eingezäuntes Gartengrundstück parat. Schon am nächsten Tag standen darinnen ein stattlicher Keiler mit einer prächtigen Bache. Bis spät in die Nacht blieb ich dort und beobachtete die Beiden. Ich wollte wissen, wie sie sich eingewöhnten. Doch kaum war ich weg, rissen sie aus. Mit Leichtigkeit hatten sie sich unter dem Zaun ein Loch frei gewühlt, durch das sie schlüpfen konnten.

Einem guten Ratschlag folgend, nahm ich einen Eimer Mais und streute die Körner von meinem geöffneten Gehege aus in einer Spur bis hin in den nahen Wald. So lockte ich tatsächlich die Wildschweine wieder zurück. Sie labten sich an dem Überangebot von Runkelrüben, Kartoffeln und Mais und machten einen wohligen Verdauungsschlaf. Ich schloss schnell die Gartentür zu und war einen ganzen Tag damit beschäftigt, den Zaun besser zu befestigen. Es erfolgte auch nie mehr wieder ein Ausbruch. Das Wildschweine-Paar vermehrte sich prächtig, und im Laufe der Jahre hatte ich in meinem Grundstück ein ganzes Rudel von Wildschweinen.

Versuchsweise bot ich in der damals von mir und meiner Frau geführten Gastwirtschaft „Nelius“ Wildschweinebraten an. Es schmeckte, und die Nachfrage war sehr groß. Dies ermutigte mich, auch einmal auf dem Neefer Straßenweinfest Portionen von einem gegrillten Wildschwein anzubieten. Und hier war die Resonanz so groß, dass ich schon bald „ausverkauft“ war. Der Braten schmeckte, war originell und passte zum Straßenfest. So gab es nun jedes Jahr meinen Wildschweinebraten zu diesem Fest, was nunmehr schon zu einer Tradition geworden ist. Allerdings kommen die Schweine nicht mehr aus dem eigenen Gehege. Jäger aus dem Hunsrück liefern mir die grillgerechten Stücke an.

Von August Croeff, Neef

Im Laufe der Jahre hatte ich in meinem Grundstück ein ganzes Rudel von Wildschweinen.
   
Das Schlitzohr Carl Josef Kreuter

Es war in den 20er Jahren. Man hatte den Hang der Flur „Steinreich“ im Bachtal zu Wingertsland gemacht. Großer Befürworter und Mitinitiator dieser Aktion war Carl Josef Kreuter. Er hatte erkannt, dass die Lage und der Boden bestens für einen Rebenanbau geeignet waren – und wollte dies auch allen beweisen. Er war ein dynamischer Jungwinzer (1889 – 1957), gescheit und mit seiner Meinung den anderen Bürgern in Neef immer etwas voraus. Er sprach auch fast nur Hochdeutsch. Und dieser Carl Josef Kreuter war einer der Ersten, der im „Steinreich“ einen großen Wingert angelegt hatte. Andere sollten es ihm nachmachen!

Das Jahr 1919 war kein gutes Weinjahr. Es war auch mengenmäßig eine schlechte Ernte zu erwarten. Und das war eigentlich überall so – nur im Wingert von Carl Josef Kreuter sollte es anders sein. Er hatte bei der Lese einige Bündel geraffter Reben aus dem Frühjahr parat. Diese legte er in die Lesebütt, überdeckte die mit eine Plane um danach die Hotten gelesener Trauben darauf zu schütten. So konnte sein Kuhgespann am Abend einen vollem Erntewagen durch den Ort fahren, und alle Leute staunten darüber, wie üppig die Ernte vom Carl Josef im „Steinreich“ war.

Das Schlitzohr Carl Josef Kreuter.
   
Wer Fluppes trinkt und Stumpen raucht,
dem wird gar übel in dem Bauch!

Im "Neugarten" lagerten auf einem freien Platz haufenweise die Lohe. Gerne versammelten sich am Abend dort die Männer. Sie saßen dann auf diesen gebündelten Eichenrinden, tranken ihren Fluppes, hielten Schwätzchen und rauchten Stumpen.

Als Rudolf dort vorbei kam, wurde er gleich aufgehalten, und man bat ihn, aus seiner Zeit in Argentinien zu erzählen, was er auch gerne tat. Rudolf war mein Vater. Er war damals so etwa 10 Jahre alt und hatte in Argentinien eine aufregende und abenteuerliche Kindheit verbracht. Seine Mutter war mit seinen Geschwistern 1891 wieder nach Neef zurückgekehrt.

Als Anerkennung für seinen geselligen Beitrag bot man ihm den Fluppes-Krug an, den er auch gerne ansetzte – ganz wie ein gestandener Mann. Noch größer wurde sein Selbstwertgefühl, als er nun auch noch an einem Stumpen (ganz einfache Zigarre) ziehen konnte. Fluppestrinkend, von Argentinien berichtend und stumpenrauchend verweilte er so lange bei den Männern, bis ihm plötzlich schlecht wurde und er zickzacklaufend nach Hause stolperte. Die Gasse war heute zu eng für Rudolf. Leute, die ihn sahen, lachten über ihn.

Entsetzt empfing seine die Mutter ihren blassen Sohn, der sich kaum aufrecht halten konnte. Und nun übergab er sich auch noch! "Um Himmels Willen! Was hast Du? Was ist geschehen? - Hauch mich einmal an! Du bist ja besoffen!"

Rudolf erzähle reumutig und stotternd was geschehen war und fing an zu weinen. Sein Kopf wurde mit kaltem Wasser abgekühlt, bekam eine heftige Backpfeife und musste sofort ins Bett gehen.

Text zum Bild: Wenn Rudolf aus seiner Kindheit erzählte, blieb diese Geschichte nie aus und lachte herzhaft darüber.

Überliefert von Maria Niesen (Tochter von R.), Bullay

 
   
Die „Schwarzschlachterei“ nach dem Krieg

Mein Vater und ich waren einmal wieder mit dem Fahrrad in der Eifel auf einer Hamstertour. Wir hatten dabei in Beuren großes Glück und konnten ein mittelgroßes Schwein erwerben – einen sogenannten Läufer. Nun war dieser natürlich nicht mit der Fahrrad nach Hause zu bringen. Bereits am kommenden Tag wurde es bei Dunkelheit mit einem Leiterwagen nach Hause gebracht. Vater hatte mit dem Fährmann einen Termin abgestimmt, wonach dieser ihn einzeln über die Mosel setzte. Das Schwein sollte nämlich ohne behördliche Genehmigung durch die französische Besatzungsmacht geschlachtet werden.
Nichts davon wollte Vater den Franzosen abgeben. Diese kontrollierten den Viehbestand. War dieser nach deren Ansicht zu üppig, wurde sofort beschlagnahmt. Fünf Hühner und ein Schwein hatten wir. Mehr durften wir nicht haben. Die Schlachtung eines weiteren Läufers war also verboten. So mussten wir diesen umgehend „schwarz schlachten“, was der herbeigerufene Hausschlächter tat. Für ihn war dies schon ein geübter Vorgang. Er war vertrauenswürdig, hielt dicht und verdiente sich so manche Flasche Schnaps oder auch eine Kringel Wurst dabei.

Eine ganze Nacht lang war nun die Familie mit der „Schwarzschlächterei“, die auf dem verdunkelten Speicher stattfand, beschäftigt. Es war nicht das erste Mal, dass dies geschah und demzufolge war ein solches Unterfangen gut eingespielt. Es wurde gebraten, gekocht, geschnippelt, durch den Wolf gedreht, gewürzt und probiert. Jeder hatte seine Aufgabe – auch wir Kinder waren eingeplant. Wichtig war auch, dass nur mit ganz trockenem Holz gefeuert wurde, damit man den Rauch aus dem Schornstein nicht sah.

In der Küche unten hielten Großmutter und Tante Wache. Es hätte ja im schlimmsten Falle eine Kontrolle auftauchen können. Dann hätte man den Trupp auf dem Speicher schnellwarnen können.

Im Hause herrschte also rege Aktion, was man draußen nicht erahnen konnte. Zum Schlafen kam keiner. Und als ich am anderen Tag wegen einer „fiebrigen Erkältung“ in der Schule fehlte, hatte unserer Lehrerin, Frl. John, gleich den Durchblick. Sie flüsterte mir zu: „hat dir das Schwänzchen geschmeckt?“.

Es war nämlich so üblich, dass das gekochte Schweineschwänzchen beim Wurstmachen den Kindern zum abknappern zustand.

Eigene Erinnerungen des Chronisten

 
 
   
„Herr Lehrer, der Ofen dülkt!“

Es war während des Ersten Weltkrieges (1914 - 1918. In Neef waren etliche russische Kriegsgefangene beschäftigt. Neben den üblichen Arbeiten im Weinberg und auf dem Feld pflegten sie auch die Pferde, von denen es einige im Ort gab. Die Russen machten dies gerne. Sie kamen so in den Besitz von Pferdehaaren, von denen sie kleine Ringe flochteten. Darauf befestigten sie noch aus Holz geschnitzte Sternchen. Besonders die Mädchen waren darauf ganz versessen. Mit solchen kleinen Kunstwerken banden sie ihre Haare fest, was hübsch aussah.

Zu dieser Zeit hielt ein Lehrer aus Bremm den Nachmittagsunterricht in Neef. Er kam immer mit dem Fahrrad und musste mit der Fähre übersetzen. Den Dienst in Neef machte er nicht gerne. Er war ja auch in Bremm als Lehrer nicht untätig. Wegen des Krieges herrschte überall eine große Lehrerknappheit.

Im Schulsaal musste der Ofen beheizt werden. Es gab einen Plan, welcher Schüler dran war. Der Nachmittagsunterricht begann um 14 Uhr. Um 13 Uhr hatte sich der „Ofendienst“ um die Beheizung zu kümmern – an jenem Tag war es der Josef Amlinger (1906 – 1973). Es war kurz vor 14 Uhr. Die meisten Schulkinder hatten sich schon eingefunden, und der Ofen brannte so heftig, dass die Ofenringe glühten. Der Teufel mag den Jupp geritten haben, als er in seine Hosentasche griff und so einen Ring aus Pferdehaaren (hatte man seiner kleinen Schwester Johanna geschenkt, die damit nichts anzufangen wusste) auf die glühende Ofenplatte legte. Schon fast explosionsartig zischte eine Flamme hoch begleitet von einer furchtbar stinkenden Rauchwolke, die sich im ganzen Schulsaal ausbreitete. Den Schülern tränten die Augen. Der Hals wurde eng. Sie schrieen, husteten, spuckten, liefen weg und zerstreuten sich in alle Richtungen. In dieser Panik lief auch Jupp raus und raste stur stracks zur Fähre. Dort kam gerade der Lehrer aus Bremm an, und der "Heizer vom Dienst" rief ihm laut zu: „Herr Lehrer, Herr Lehrer, sie können nicht unterrichten, der Ofen dülkt! (qualmt - Qualm wird in der moselfränkischen Sprache auch Dolk genannt wird). Alle sind weggelaufen!“ Jupp erzählte stotternd was passiert war. Der Lehrer nahm sein Fahrrad, schimpfte nicht, sagte überhaupt nichts und setzte mit der nächsten Fähre wieder über die Mosel. Er, aber auch die Kinder, hatten einen freien Nachmittag. Keine beschwerte sich. Die Geschichte hatte kein Nachspiel!

Text und Bild aus dem Archiv von Kurt Bergen, Neef

Josef Amlinger mit seiner Frau Sybilla in späteren Jahren
   
Wie wir mit einer "Wunderwaffe" die Aldegunder angreifen wollten

Es war im Jahr 1946. Uns Kindern klangen immer noch die Parolen aus dem Jahr zuvor in den Ohren, als die Erwachsenen noch von einer „Wunderwaffe“ sprachen, womit der Sieg der Deutschen Armee noch erhofft wurde. Aber daraus wurde ja nichts.

Überall lag nun Kriegsmaterial herum. Aus den Reifen-Felgen liegengelassener Wehrmachtsautos wurden der Mäntel herausmontiert. Daraus schnitt man Schuhsohlen. Aus den Schläuchen machte man Gummiringe, die irgendwie im Haushalt oder auch als Strumpfband Verwendung fanden.

Erwin Nachtsheim, unser Rädelsführer, hatte noch eine andere Verwendungsmöglichkeit parat. Gemäß seiner Anleitung verknoteten wir die Gummiringe in einen recht massiven Strang. Diesen befestigten wir an beiden Halmen einer fast einen Meter großen Fletsch. Fertig war unsere „Wunderwache “! Die "Kanone" verankerten wir in einem Schlitz zwischen zwei massiven Steinen auf einer Krippe in der Mosel – direkt gegenüber von Aldegund. Es sollte eine Angriff auf die „Dalliender" geben, mit denen die Neefer in stetigen Differenzen lagen. Dann legten wir in der Mitte des Gummistranges einen respektablen Stein als Geschoss, zogen auf das Kommando von Erwin den Gurt mit mehreren Pens an – immer fester und fester – wir lagen schon fast in der Waagerechten - "mehr noch, mehr noch" -schrie Erwin - "wollen schließlich das Dorf treffen!" - und bums fielen wir auf den Rücken - machten einen Purzelbaum rückwärts - und über uns flog, haarscharf an den Köpfen vorbei, die Fletsch.

Der Angriff auf unseren Nachbarort ging daneben. Auch wir hatten also keine „Wunderwaffe“ erfunden.

Überliefert von Bernhard Nelius

 
 
   
Die „Napoleonfreunde“

In dem Gebäude, wo einst die Raiffeisenkasse Neef ihr Warenlager hatte, stand zuvor das „Schinnen-Haus“. Neben diesem hatte die Familie Martini (Frau Maria Martini war eine geborene Schinnen) ihren Hausgarten, der auf dem Foto auch noch gut zu erkennen ist. Und in diesem Haus unterhielten Heinrich Joseph Schinnen und seine Frau Anna Maria, geb. Mainzer, um 1800 eine Gastwirtschaft, was heute kaum noch bekannt ist.

Einige Neefer Männer wurden in der Zeit, als Napoleon das linksrheinische Gebiet besetzt hatte (1794 - 1814), von den Franzosen rekrutiert. Als sie von der französischen Armee zurückkamen, spielten sie mit anderen Männern in der Gastwirtschaft „Schinnen“ Karten. Sie erzählten mit Begeisterung von ihrer Soldatenzeit in Frankreich. "Auch dort gibt es guten Wein. Und wie schmeckt erst der Sekt?! Ja, und die Frauen in Paris! - macht euch keine Vorstellung?! Allein der Duft der Mademoiselle's - dieses Parfüm!" "Jetzt reicht es!" schrieen die Zuhausegebliebenen in höchster Erregung. Wir kraxeln hier im Weinberg rum und sehen zu, dass unsere Familien über die Runden kommen. Unsere Frauen waschen sich mit Kernseife, mit der sie auch die Socken waschen! Sie riechen nach Stall, weil sie dort misten und melken!

Wir trinken hier den Fluppes, weil wir den guten Wein für mageres Geld verkaufen müssen! Wie kann man nur Soldat bei den Franzosen sein?! Man nennt euch verächtlich "Napoleonfreunde"! Schämt euch! Ihr seid Vaterlandsverräter!" Nun reichte es den Heimgekehrten. Es begann eine so wilde Schlägerei, wie sie in Neef noch nie erlebt wurde. In dem Gasthaus blieb kein Stuhl und kein Tisch ganz. Das Geschirr diente als Wurfgeschoss; Theke und Vitrine wurden demoliert; Lampen zersplitterten. Heinrich und Anna riefen entsetzt um Hilfe und baten um Vernunft. Der Streit wurde jedoch immer heftiger: Fäuste flogen - Blut floss. Nun balgte man sich sogar auf der Straße herum. Endlich, als die Nachbarschaft und die Angehörigen der Streithähne angerannt kamen und die Raufenden mit Gewalt trennten, konnte die überaus große Zänkerei geschlichtet werden.

Überliefert von Raimund Kirch, Ediger-Eller

Das Foto zeigt das „Schinnen-Haus“ mit Garten in den 30er Jahren. Heute steht dort das Raiffeisenbüro- und -Lagerhaus. Im Vordergrund des Bildes liegt ein Bündel Lohe, und im Hintergrund sieht man, wie auf der "Bohr" die sogenannte "Gemeinde" gehalten wird. Auch die Hakenkreuzfahne, und die vielen Uniformierten fallen auf.
   
Eine traurige Weihnacht

erlebte ich im Jahre 1944. Ich war 6 ½ Jahr alt, als wir zum Heiligabend schöne Vorbereitungen getroffen hatten. Und zudem war Vater auf Urlaub zu Hause. Er war im sogenannten Westwall eingesetzt. Dort errichtete man Betonklötze, Wälle und Gräben, um das stetige Vordringen der alliierten Truppen zu stoppen.

Wir alle meinten, dass es mit Sicherheit am Heiligabend keinen Bombenangriff geben würde, da die Alliierten doch schließlich auch Christen wären. Der Tannenbaum war so gut es ging geschmückt. Einige noch vorhandene Kerzenstummel brannten und Kugeln hatten wir auch noch parat. Äpfel, Birnen und selbst gebackene Plätzchen hingen am Baum. Die Bescherung fiel recht mager aus, wofür aber auch jeder Verständnis hatte. Es war Krieg in der heftigsten Phase. Wir sangen gerade ein Weihnachtslied, als urplötzlich die Sirene heulte. Fliegerangriff! „Das kann doch nicht wahr sein!“ – hörte ich Mutter noch rufen. Vater löschte in aller Eile die Christbaumkerzen aus. Alle stürzten in unseren Keller. Auch die Nachbarsleute kamen in panischer Eile angelaufen. Unser Keller war sehr stabil und war deshalb für diese der zuständige Luftschutzkeller. Und schon schlug die erste Bombe ein – und noch eine - und noch mehrere. Es entwickelte sich der schlimmste Bombenangriff, den wir je erlebt hatten. Wir alle beteten. Der Keller bebte von den Einschlägen. Und bei jeder Detonation schrieen wir vor Angst auf – insbesonders die Frauen und Kinder.

Als der Angriff endlich vorbei war, gingen wir wieder hoch. Die Luft war voller Staub. Überall lagen Trümmer. Bei uns war der Schornstein vom Dach gefallen und hatte etlichen Schaden angerichtet. So war das Glasdach über unserer Terrasse total zerfetzt. Unser Haus stand aber noch. Gott sei Dank! Im Weihnachtszimmer waren die Fensterscheiben zersplittert. Der Ofen war aus gegangen. Es war sehr kalt im Raum. Eisige Winterluft drang ein. Der Tannenbaum lag quer in der Stube. Vater stellte ihn wieder auf. Er setzte sich in seinen Sessel, nahm meine Schwester und mich auf den Schoß und sang mit uns mit feuchten Augen und stotternder Stimme Weihnachtslieder. Es war eine traurige Weihnacht. Ich werde sie mein Leben lang nicht vergessen.

Eigene Erinnerung des Chronisten

Das Foto von Alfons Kreuter zeigt die zerstörte Eisenbahnbrücke in Eller. Die Alliierten bombardierten sie immer wieder. Sie wollten damit den Bahnverkehr lahm legen um zu verhindern, dass deutsche Truppen und ihr Kriegsmaterial an die Westfront geliefert wurden. Die Ellerer Brücke war nur einige hundert Meter Luftlinie vom Ort Neef entfernt.
   
So hatte sich der Mathias Josef Schenk das nicht vorgestellt!

So geschehen vor der Neefer Kirmes im Jahre 1920:

Der Mathias Josef Schenk (1882 – 1942), Schenks Matthes genannt, hatte auf der „Haustert“ einen Zwetschgenbaum, der voller reifer Früchte hin. Acht Buben, dazu gehörte auch ich, Franz Josef Braun (1905 – 1006), schlichen uns an diesen heran und kletterten hoch. Wir labten uns an den reifen Früchten und stopften uns die Hosentaschen voll. Da stand plötzlich das Henrichs Grittche, eine ledige Bas (1861 - ?) und klein an Gestalt, unter uns und rief: „Dürft ihr denn das?“ - „Ja das dürfen wir. Der Baum gehört uns - Vater hat es erlaubt.“ - rief einer von uns. „Dann ist ja alles in Ordnung“ erwiderte das Grittche. „Darf ich denn auch ein paar Zwetschgen haben?“ - „Ja, soviel du haben willst!“ Und Grittche pflückte alle Früchte, an die sie heran kam und machte sich eifrig die eingefaltete Schürze bis zum Rand voll. Sie bedankte sich und verschwand. Nun konnte sie endlich auch einmal einen Zwetschgenkuchen auf der anstehenden Kirmes auftischen! Das Grittche war arm dran und lebte sozusagen von der Hand in den Mund. Sie hatte keinen Besitz – keinen Weinberg und keinen Obstgarten. Als nun der Feldschütz im Anzug war, liefen wir alle schnell weg.

Am nächsten Tag sah Matthes seinen zerrupften Pflaumenbaum und den schäbigen Rest des Behanges. Eine große Verwandtschaft hatte sich für das anstehende Patronatsfest angekündigt. Einige Zwetschgenkuchen wollte seine Frau, die Schenks Gritt, backen. „Diese verzogene Bande“ schrie er. Er wusste schon, wer die Übertäter waren. Der Feldschütz hatte ihm nämlich einen Verdacht gemeldet. Matthes teilte uns mit, dass wir am nächsten Tag zu einer festgesetzten Uhrzeit bei ihm zu erscheinen hätten, was wir auch taten. Er machte uns Vorhaltungen. Wir standen da wie reuige Sünder, und letztendlich versprachen wir, so etwas nie mehr zu tun. Er nickte mit majestätischer Miene. Er war ja schließlich auch einmal jung gewesen. Die Angelegenheit war eigentlich für alle erledigt. Wir gingen aus der Stube raus, und im Flur sagte einer von uns „und dem Grittche, das ja die meisten Pflaumen heim schleppte, passiert nichts!“ „Was war das?! – Höre ich richtig?“ stürzte Matthes auf uns zu. „Die war auch dabei?! – Das hat Folgen!“ Er brüllte umher wie wild und war wütend wie ein gereizter Stier. Mit dem Grittche war Matthes spinnefeind. Sie hatte ein loses Mundwerk. Dieses mag der Auslöser zu dem Streit mit Matthes gewesen sein. „Endlich habe ich sie – jetzt kriegt sie ihr Fett! – die wird sich wundern!“ In seiner Wut war mit dem Matthes nicht mehr zu reden. Er schmiss uns aus seinem Haus.

Matthes erstattete er eine offizielle Anzeige und wir bekamen eine Ladung vor das Zeller Gericht. Wir Pens waren noch keine 18 Jahre alt und die Eltern musste mitgehen. Es kam zum Verhör. Als ich dran kam, erzählte ich alles, wie es war. Der Richter musste etwas schmunzeln. Das sah man ihm an. Aber dann beim Urteilsspruch wurde er von Amtswegen todernst. Bestrafen konnte er uns nicht, da war ja noch minderjährig waren. Den Eltern wurde auferlegt, besser auch ihre Kinder aufzupassen und sie besser zu erziehen. Was hätte er auch anders sagen sollen? Wir wurden also mehr oder weiniger frei gesprochen.

Als nun auch noch das Grittche einen Freispruch erhielt, weil ihr ja kein Diebstahl nachzuweisen war, drehte der Matthes durch. „Aber Herr Richter ....“ „Bleiben sie ruhig Herr Schenk – die Sitzung ist geschlossen. Kommen sie gut nach Hause!“ – so die Antwort des Richters. So hatte sich der Mathias Josef Schenk das nicht vorgestellt!

Aus dem Archiv von Kurt Bergen, Neef

 
 
   
Eine Behandlung durch die „Berje Trot“

Die „Berje Trot“ hieß in Wirklichkeit Gertrud Steffens (11.1.1884 - 24.4.1954) und war eine geborene Bergen. Bei Kindern war sie die „Trot-Tant “.

Die ärztliche Versorgung in Neef war in den Jahren nach dem Krieg sehr dürftig. Der zuständige Arzt war Dr. Schausten. Er wohnte in Alf. Er war in den ersten Jahren nach dem Krieg noch nicht motorisiert. Wenn er einmal nach Neef kam, war er mit dem Fahrrad unterwegs. Und Neef lag ziemlich abseits. Eine Verbindung zur Außenwelt gab es nur durch die Fähre oder über einen ungepflegten Feldweg nach Bullay hin. Die Eisenbahn fuhr längst nicht so oft wie heute. Benutzte man sie, war man zudem fest an den Plan gebunden und der war längst nicht so großzügig wie in der heutigen Zeit.

Es gab noch keine Krankenkasse. Wenn einmal der Arzt in Anspruch genommen werden musste, dann war das aufgrund der genannten Umstände sehr teuer. Und deshalb konnte man sich ihn kaum leisten.

Die „Berje Trot“ hatte sich als Naturheilerin hervorgetan. Sie hatte als solche nie eine spezielle Schule besucht. Das Wissen wurde ihr angeboren. Sie kannte zu allen Krankheiten und sonstigen Gebrechen ein heilendes natürliches Mittel. Dazu gehörten Tees, Kräuter, Öle, Schnäpse, Umschläge, Wickel, Güsse und anderes mehr. Sie half schon bei der Geburt, spendete Trost den Sterbenden und betete mit ihnen. Sie war von großer Frömmigkeit. Auch stand sie zur Seite, wenn die Verstorbenen eingesargt wurden.

Sie half auch im Stall beim Kalben, wenn es Schwierigkeiten gab. Ihre Dienste verrichtete sie kostenlos. Ein herzliches „Dankeschön“ war in der Regel der Lohn. Selbstverständlich freute sie sich auch, wenn man sie mit Naturalien bedachte, wie z. B. eine Flasche Wein oder Schnaps, ein Stück Butter oder Speck. Sie hatte ja schließlich auch Unkosten. So gehörten z. B. Schnaps, Franzbranntwein, Essig, Öle, Wickel ect. zu ihrer Grundausstattung.

Sie war eine hochgeachtete Person. Bei ihrer Totenmesse gedachte Pfarrer Rauber der von allen Neefern hoch geschätzten und allerseits beliebten Verstorbenen in einem solch rührenden Nachruf, dass das voll besetzte Gotteshaus in ein Schweigen verfiel und nicht nur bei den engen Anverwandten Tränen flossen. Die „Berje Trot“ war für alle Neefer ein wahre Heilige – eine „Mutter Theresa“ in früherer Zeit.

Erinnerung von Bernhard Nelius, Neef:
„Wenn es die „Trot-Tant“ nicht gegeben hätte, würde ich nicht mehr leben!“ Ich war ein Jahr alt. Überall hatte ich am Körper Wundstellen, die mit Schorf (Kruste) überdeckt waren. Da diese Wunden ganz schlimm juckten, kratzte ich mich immer wieder, was aber die Krankheit nur noch verschlimmerte. Meine Mutter versuchte vergebens dagegen anzugehen. Dies war in der Weinlesezeit, und man unterhielt sich im Wingert über meinen üblen Zustand. „Hoffentlich lebt das Kind noch, wenn wir nach Hause kommen“ hat sich ein Lesehelfer geäußert. Da konnte nur doch die „Trot-Tant helfen! Die kam auch prompt. Einen ganzen Tag und eine ganze Nacht saß sie nun neben mir am Krankenbett. Sie machte immer wieder Wickel und Umschläge. Verschiedene Kräuter nahm sie zur Hilfe. Und tatsächlich: Die schlimme Krankheit wurde von der „Trot-Tant“ besiegt. Wunden mitsamt dem Schorf gingen zurück, und ich war schon bald völlig gesund.

Erinnerung von Raimund Kirch, Ediger:
Ich machte gerade meine Hausaufgaben und schrieb dabei mit einem Griffel auf eine Schiefertafel. Mit meinem Bruder geriet ich in Streit. Es entstand ein heftiges Gerangel. Wir balgten uns auf dem Fußboden herum, und ich stieß mir dabei den Griffel in den Kopf. Was tun? Schnell liefen meine Mutter und ich zur „Berje Trot“. Die zog mit einem Ruck den Griffel aus dem Kopf. Die Spitze blieb jedoch stecken. Sie spülte die Wunde mit einer Essiglauge aus, legte eine Schnaps-Wickel darauf und meinte, wir sollten beobachten, ob die Spitze wandert. Wenn ja, dann sollten wir wieder kommen. Die Griffelspitze wanderte nicht, und so habe ich sie heute noch im Kopf stecken - habe also mit ihr mehr als 60 Jahre gelebt. Und es ging mir gut.

Erinnerung von Eduard Mentges:
Bei meiner Geburt stand die „Trot“ schnell zu Hilfe, weil sie dringend notwendig war. Ohne sie wäre ich nicht lebend zur Welt gekommen – so erzählte es immer wieder meine Mutter. Zeitweise sollte man schon angenommen haben, dass ich nicht mehr lebte.

Erinnerung von Heinz Philipps, Rodgau:
Für mich und den Steffens Wolfgang war die Trot-Tant die liebste Oma auf der Welt. Die Trot-Tant war dem Wolfgang seine Oma. Fast jeden Tag waren wir bei ihr. Wir mussten aber immer aufpassen auf den Schellenmann (s. Bild), der Opa vom Wolfgang. Wenn er nicht gut gelaunt war es besser ihm aus dem Weg zu gehen, meistens aber war er zu uns Schlingeln ein lieber Opa. Die Trot-Tant hat für uns Brote mit Butter geschmiert, darauf kam dann ihre selbstgemachte Marmelade und obendrauf noch Rahm von der Kuh. Dazu gab es frische warme Milch. Wir waren ihr dafür sehr dankbar, denn so kurz nach dem Krieg hatte keiner viel zum Leben. Wir haben der Trot-Tant auch geholfen und sind mit ihr wilde Erd-, Brom- und Himbeeren sammeln gegangen. Einmal war ich mit meinem Vater im Hunsrück in seinem Heimatort in Ferien. Die Eltern von ihm hatten einen Bauernhof. Wir gingen auch in den Wald und sammelten Heidelbeeren. Ich sammelte nur für die Trot-Tant einen großen Eimer voll Beeren, den ich dann zum Bahnhof schleppte und bis Neef nicht mehr aus der Hand nahm. Die Trot-Tant hatte sich sehr gefreut und konnte es kaum glauben, dass ich die Blaubeeren ganz allein gepflückt habe.

Mein Leben lang habe ich oft an die Trot-Tant gedacht. Für mich war sie, wie beschrieben, eine Heilige und ich freue mich über das Photo auf dieser Seite, das ich mir immer wieder anschaue.

Die "Berje Trot" im Kreise ihrer Lieben
 
Der Mann von der Trot-Tant war in Neef der Ausscheller. Er ging, wenn er etwas zu verkünden hatte, mit der Schelle durch den Ort und rief dann: "Bekanntmachung ....! Man nannte ihn im Ort kurz "de Steffens".
 
   
So wurde ich ein Neefer

In den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war es noch nicht verbreitet, in Ferien zu fahren. Bei mir war es halt so, dass ich einmal im Jahr zu meiner Großmutter in den Westerwald fahren konnte. Das mir dies mit zunehmenden Alter nicht unbedingt mehr die größte Freude bereitete, kann man bei einem 14 jährigen Schüler wohl nachempfinden.

Dass mein Vater 1948 aus französischer Kriegsgefangenschaft in einen gesundheitlich arg ramponiertem Zustand überhaupt noch einmal nach Hause kam, verdankte er einem sogenannten Stacheldrahtkameraden aus Neef.

Aus Dankbarkeit verkaufte er in den folgenden Jahren Wein für dessen Schwiegervater Josef Blümling. Das Geschäft lief ganz gut und gab mir die Möglichkeit, einmal in den Ferien des Jahres 1953, in Verbindung mit Weinlieferungen, nach Neef zu fahren. Ich lernte den Sohn unseres Weinlieferanten Franz Josef kennen und wurde bei der Familie Blümling sehr herzlich aufgenommen. Damit begann ein Lebensabschnitt, der weder voraussehbar noch planbar war.

Da ich aus der Nähe von Bergisch Gladbach kam, war ich Städter. Da Städter mit den Vorurteilen belastet waren, wie Weicheier, Angsthasen oder Ähnliches zu sein, musste ich mit diesem Makel einige Zeit zurecht kommen. Franz Josef, nur geringfügig älter als ich, gab sich die größte Mühe aus mir einen Menschen zu machen, mit dem man etwas anfangen konnte.

In den darauf folgenden Jahren durfte ich noch einige Male im Hause Blümling Gast sein.So kam es dann zur folgenden Situation: Da Fernsehen eigentlich nur vom Namen her etwas war, aus vielerlei Gründen aber auch nicht aktuell war, traf man sich in den Abendstunden um sich über mögliche und auch wichtige Dinge Gedanken zu machen. Dies ging am einfachsten bei Dorfumrundungen bei denen die Gruppe immer größer wurde. So auch an einem bestimmten Abend in der Sommerzeit. Die Winzer hatten übertag ihre Weinberge gegen Schädlinge gespritzt. Zu dieser Zeit waren die Spritzpumpen noch an einen kleinen Zweitaktmotor gekoppelt und auf einem Anhänger montiert. Diese standen schön hintereinander in der Dorfstrasse, die „Reiz“.So kam die Idee auf, diese Motoren doch in der späten Abendstunde laufen zu lassen. In der Vorbereitung wurden zuerst die Fluchtwege festgelegt und dann die Motoren startklar gemacht. Mir wurde selbstverständlich auch ein Fahrzeug zugeteilt und dabei kritisch beobachtet. Auf ein Kommando hin wurden alle Motoren, auf Vollgas, gleichzeitig gestartet. Man darf sich vorstellen, welch ein ohrenbetäubender Lärm in den späten Abendstunden die Bewohner auf die Straße rief. Die wohlverdiente Abendruhe war gestört. Der ein oder andere mag auch wohl schon zu Bett gegangen sein und musste wohl oder Übel wieder raus. Das es sich hier um einen Streich handelte, erkannte man schnell. Es dürften auch einige nicht ganz wohlgemeinte Worte gefallen sein.

Wir haben uns erst deutlich später wieder in die Häuser getraut. Für mich war die ganze Sache so etwas wie eine Aufnahmeprüfung, die ich wohl auch bestanden hatte. So wurde ich von diesem Zeitpunkt an von Franz Josef`s Kumpeln akzeptiert und fühlte mich wie ein Neefer.

Dies war aber nur der Anfang. Zu einem späteren Zeitpunkt lernte ich ein mir sehr sympathisches Mädchen mit Namen Marliese kennen, heiratete sie .und bin seit 1963 ein Neefer Bürger.

Von Peter Käsbach, Neef

 
 
   
Warum der „Herr Professor“ so plötzlich nach Hause wollte

Mein Vater hatte in Mönchengladbach einen guten Weinkunden. Dieser hatte dort eine Gastwirtschaft – und einen Sohn. Dieser war mit 16 Jahren in meinem Alter und sollte einmal bei uns zu Hause in Neef die Ferien verbringen. Er war so ein richtig verwöhntes Söhnchen. Sagte zu allem „danke und bitte“. Hatte eine dicke Brille und eine etwas gebückte Haltung – so ein leichter Heinz-Erhard-Verschnitt. Er interessierte sich mehr für Blumen, Eidechsen, Käfer und Schmetterlinge als für Streiche. Die Angelei fand er grausam. Sprach ihn ein Mädchen an, bekam er einen roten Kopf. Schnell hatte er den Zunamen „Herr Professor“ – eigentlich hieß er Günther.

Bei all meinen guten Willen: Ich konnte mit ihm nichts anfangen – auch unter Berücksichtigung, dass sein Vater ein guter Weinkunde war. Meine Freunde lachten nur über ihn. Ein typischer Städter! Was tun?!

Ich hatte einmal davon gehört, dass warmes Wasser harntreibende Wirkung hat. Das war ein guter Ansatzpunkt! Also ging ich in der Nacht mit einer Schüssel warmen Wasser an das Bett des „Herrn Professor“, nahm während er fest schlief seine Hand und legte sie in das warme Wasser.

Und die Moral von der Geschicht’: Am nächsten Morgen wollte er schnellstmöglich nach Hause und nahm prompt den erstbesten Zug.

Eigene Erinnerung des Chronik-Autoren

 
 
   
„Hungersteine“

Wenn in der Mosel massive Steine herausragten, dann führte sie Niedrigwasser – dann hatte es schon lange nicht mehr geregnet. Und wenn eine Trockenheit herrschte, gaben Weinberge, Gärten und Felder eine magere Ernte ab.

Besonders im Mittelalter konnte dann eine Hungersnot auftreten, wovon auch immer wieder berichtet wird. Und die Steine, die in einer solchen Hungerzeit im Fluss zu sehen waren, nannte man „Hungersteine“. Besonders in der felsigen Neefer Lay, im Bereich des „Frauenberges“, erinnerten solche an vergangene schlechte Jahre; denn die Hungerjahre hatte man in den Stein fest eingraviert.

Seit der Moselkanalisierung sind die „Hungersteine“ nicht mehr zu sehen.

Das Foto zeigt eine Schöne auf einem solchen „Hungerstein“

 
   
„Das schönste Kriegerfest, was es in Neef je gab“

In Neef wurde 1903 der Kriegerverein im Vereinsregister eingetragen.
Uneingetragen bestand er schon früher. Der Kriegerverein Neef e. V. war übrigens der erste Neefer Verein.

Veteranen gedachten an sogenannten Kriegerfesten insbesonders der im Krieg 1870/71 (gegen Frankreich) gefallenen Kameraden in patriotischer Weise. So wurde auch im Jahr 1915 ein solches Fest gefeiert. Man traf sich auf einer großen Wiese am Moselufer. Neben einem altgedienten Bataillonskommandeur, der auch einen Hauptmann mitsamt zweiter Kompanien mitbrachte, waren als Ehrengäste Pfarrer Manderfeld und Ortsbürgermeister Peter Kreuter aus dem Ort vertreten. Und nicht zuletzt saßen auf sechs repräsentativen Stühlen mit Lehnen sechs Veteranen aus Neef. Sie bildeten den Kern- und Blickpunkt der Veranstaltung.

Die Musikkapelle aus dem Ort spielte die Nationalhymne „Heil dir im Siegerkranz“. Dann erklang das Lied vom alten Kameraden. Die Neefer Veteranen saßen mit strenger Mine und aufrechter Haltung da und starrten gerade aus – gerade so, als wären es Figuren aus dem Wachskabinenkabinett.

Dann wurden Ansprachen über Ansprachen gehalten. Dabei pries man das Heldentum und das Vaterland. Nicht nur die Altgedienten bekamen Tränen in die Augen.

Als jedoch die Töchter des Dorfes immer mehr Wein ausgeschenkt hatten, lockerte sich die Stimmung. Und schon spielte die Kapelle flotte Weisen.

Eine Polka Masolka animierte nun die schon recht fröhlich gewordenen Soldaten dazu, die Neefer Mädchen zum Tanz aufzufordern. Doch keine der Dorfschönen willigte ein. Der Hauptmann konnte dies nicht verstehen und fragte nach, was das soll. Als er erfuhr, dass sich die Mädchen im Beisein des Pfarrers nicht trauten, mit Soldaten zu tanzen, besprach er mit Hochwürden das Problem. Auch bei Pfarrer Manderfeld zeigte sich die Wirkung des Weines. So stieg er auf das Podium und rief den Mädchen in weinseliger Laune zu: „Seid fröhlich mit den Fröhlichen!“ Und schon wurde heftig getanzt. Das Fest begann nun richtig lustig zu werden. Selbst die Veteranen verloren die strenge Haltung und lösten sich von der Stühlen.

Einer von diesen war in Neef eingeheiratet. Er kam aus dem kleinen Eifel-Ort Krinkhof und sprach ein eigenartiges Dialekt. Das Neefer Platt nahm er nicht an. Er hatte übrigens 11 Töchter, die sich zumeist in Neef verheirateten (fünf Kinder waren frühzeitig verstorben). Wegen seiner besonderen Aussprache und seiner patriotischen Einstellung wurde er in der Gesellschaft gerne aufgenommen – so auch an jenem Kriegerfest. Man schenkte ihm immer wieder ein. Dies nahm er gerne an. Er war mit Reichtum nicht gesegnet. 11 Töchter hatte ihm seine Frau geboren. Redlich und fleißig meisterte er seine Aufgabe als Familienoberhaupt. Er wurde fröhlicher und fröhlicher und seine Zunge immer lockerer. „Lass doch mal die Kompanien hoch leben“ machte man ihm den Vorschlag. Und prompt stellte er sich auf das Podium und rief lautstark: „Die ästen und zwoten Kompaneien läben hochen!“ Das Volk lachte und klatschte Beifall – und er immer wieder „Se läben hochen! - hochen!- hochen!“

Nun fiel dem Bataillonskommandeur ein Veteran auf, der sich etwas sonderbar verhielt. Er fragte beim Bürgermeister nach. Als dieser ihm erklärte, dass der Altgediente eine Kopf-Verletzung im Nahkampf erlitten hatte, was einen bleibenden Schaden hinterließ, war der Kommandeur so gerührt, dass er dem Veteranen ein 20er Reichsmark-Goldstück schenkte. Das Volk klatsche Beifall und der behinderte Veteran lief mit dem Goldstück stur stracks nach Hause. So einen Reichtum hatte er noch nie gehabt!

Es wurde noch lange gefeiert und meinte nachher: „So ein schönen Kriegerfest hatten wir noch nie!“

Aus dem Archiv von Kurt Bergen, Neef

Die Neefer Veteranen vom Kriegerverein sind startklar für einen Besuch bei Gleichgesinnten im Nachbarort Bremm
Foto von Kurt Bergen
   
Nun denn einmal „bon appétit Monsieur’s“

Bei dem folgenden „Stückelche“ möchte der Überlieferer (Jahrgang 1932)inkognito bleiben. Dafür kann man Verständnis haben.

Der Krieg war vorbei. Die Franzosen kamen und besetzten unsere Heimat. Sie bestimmten über uns und gaben vor, was zu tun sei. Auch beeinflussten sie den Schulunterricht. So mussten wir sogar die französiche Sprache lernen, wozu eigens eine Lehrerin eingesetzt wurde.

Es war bekannt, dass diese Besetzer „Schmecklecker“ waren und Schnecken als Delikatesse verspeisten. Unser Lehrer teilte nun einige Eimer aus, und wir gingen mit der Schulklasse das Bachtal hoch und sammelten für die französischen Soldaten Schnecken – sozusagen als Willkommensgruss und als einen Akt des guten Willens zu einer Völkerverständigung. Ob es dazu eine übergeordnete Empfehlung gab, oder ob unser Lehrer selbst auf die Idee kam, weiß man nicht.

Für uns war es unfassbar, dass man solche ekligen und schleimigen Tiere essen kann; und das sogar noch als eine Delikatesse findet. Allein schon das Anfassen der glitschigen Schnecken war abscheulich. Aber Gott sei Dank konnte man sie am Gehäuse anpacken. Und wie sah das erst im Eimer so abstoßend aus?! Mitten drinnen wälzten sie sich klumpenweise in ihrem Körpersaft, und an den Eimerrand schleimten sie sich hoch und hinterließen glitschige Spuren. Pfui! Igitt!

Ich musste Pipi machen. Der Eimer voller Schnecken stand neben mir. Der Teufel mag mich geritten haben; ich konnte nicht anders - und pinkelte in diesen hinein. Ein anderer Schüler sah das und gab noch eine Zugabe. Es hatte den Tieren nichts geschadet. Der Schleim im Eimer wurde lediglich flüssiger und schaumiger, was keinem auffiel - auch unserem Lehrer nicht. Es gab auch im nachhinein keine Reklamation. Vielleicht schmeckten ja die Schnecken sogar besonders gut! - hatten vielleicht sogar ein gewisses Etwas?!

 
 
   
Da wurde unserem Lehrer Angst und Bange!

Wenn wir in der Schule Prügel bekamen hinterließ dies auch schon mal Striemen – auf den Händen oder auch auf dem Po. Wenn man nun diese Striemen mit Zwiebelsaft bestrich, wurden sie deutlicher und schwellten an. Dies zeigten wir unseren Eltern, die dann schockiert waren. Mit Vater oder Mutter gingen wir nun zum Lehrer. Ihm zeigten wir den Po oder die Hand. Unser Lehrer war dann zu tiefst erschrocken und entschuldigte sich. Da war er offenbar zu weit gegangen – das konnte man deutlich erkennen.

Danach waren dann die Prügelstrafen nicht mehr so arg – zumindest für eine kurze Zeit.

Eigene Erinnerung des Chronisten

Quelle: Zwischen Prügelstrafe und Schulnostalgie Larissa Beu, Lrs Schall, Jane Höhn
   
Oui joi joui ! - das hätte auch schief gehen können!

Zu dieser Begebenheit empfiehlt es sich, zuerst das „Neefer Stückelche“ Nr. 46. (Der „Proffe-Klub“ ging „fringse“) zu lesen, um sich besser in die Situation folgender Überlieferung hineinversetzten zu können.

Weil immer wieder am Neefer Tunnel von den Waggons Kohle abgekämmt (geklaut) wurde, setzten die Franzosen einen Soldaten ein, der den / die Dieb(e) endlich ausfindig machen sollte. Dieser Franzmann hatte seinen Platz auf einem voll mit Kohle beladenen Waggon und war mit einem Maschinengewehr ausgestattet.

Nun hatte diesen Wächter die Müdigkeit überfallen, so dass er sich in einer Mulde im Kohlenhaufen einkuschelte und einem tiefen Schlaf verfiel. Zuvor hatte er noch zur besseren Bequemlichkeit die Halterung am Helm gelöst. Bei seinem Schlaf verdrehte sich nun der Helm so, dass dieser sich nach einer Seite hin deutlich anhob.

Als der Zug mit mäßigem Tempo den Neefer Tunnel verließ, kämmte der „Berje Jupp“ gemäß Gewohnheit mit einem „Proffen“ überstehende Kohlen ab und glaubte, einen dicken Brocken zu erkennen, als er den angehobenen Helm sah. Diesen konnte er auch prompt erfassen, so dass er vom Waggon hinab kullerte.

Der Franzose wurde wach und sah, wie sein Helm die Bahnböschung hinunter rollte. Noch schlaftrunken nahm er sein Maschinengewehr und ballerte durch die Gegend was das Zeug herhielt - und nicht zuletzt auf den Jupp. Dieser lief eilendst hinter seine Bude und schmiss sich schutzsuchend auf der Erde.

Die Geschosse schlugen rings um ihn ein. Einige durchlöcherten sogar die Blechwände seiner Hütte. Gott sei Dank hatte der Zug an Fahrt gewonnen und die Entfernung zu ihm wurde immer größer, weshalb er auch immer schlechter zu treffen war. Letztendlich hatte auch der Wächter sein ganzes Magazin leer geschossen.

Die Geschichte hatte kein Nachspiel. Schließlich hatte der Franzose als Wachhabender Soldat völlig versagt. Er hätte als solcher nicht einschlafen dürfen.

Alles in allem hatte der Jupp ein riesiges Glück gehabt. Das hätte wirklich auch schief gehen können!

Überliefert von Raimund Kirch, Ediger-Eller

 
 
   
Der Kolonialwaren- und Samenhändler Jakob Löscher

Meine Urgroßeltern waren Jakob Löscher ( 1881 - 1952) und Barbara geborene Reuter(1887 – 1937). Barbara stammte aus Masburg. Sie unterhielten in Neef in ihrem Haus in der damaligen Hauptstrasse (heute Petersbergstr.)vor dem Ersten Weltkrieg einen kleinen Kolonialwarenladen. Produkte wie Kaffee, Tee und Tabak aus Übersee wurden dort verkauft. Auch die Schulkinder, die im benachbarten Schulhaus unterrichtet wurden, kauften hier Süßigkeiten und Gebäck ein.

Als der Unterricht 1912 in ein neues Schulgebäude verlegt wurde, entstand im bisherigen Schulhaus ein größerer Kolonialwarengeschäft, was das Lädchen der Löschers unrentabel machte. Jakob zog nun über Land in das Mosel- Hunsrück- und Eifelgebiet und verkaufte Samen.

Später, im vorgerückten Alter von Jakob, als seine Frau schon gestorben war hatte er das Haus verkauft und zog nach Leverkusen. In Neef hatte er keine Angehörigen mehr. Er lebte in bescheidenen aber in gesicherten finanziellen Verhältnissen. Sicherlich aus Langeweile ist er in Leverkusen einige Jahre mit der Heckenschere durch die Straßen gegangen und hat für kleine Entlohnung die Hecken geschnitten - ein eher trauriges Bild.

Überliefert von Daniel Roock, Chemnitz
ergänzt vom Chronisten, der den Jakob Löscher noch persönlich kannte

In diesem Haus gab es das kleine Lädchen der Eheleute Löscher.
Foto: Kurt Bergen
 
Das Haus wird heute von der Familie Kröger bewohnt und auch zum Teil als Gästehaus benutzt, nachdem es zuvor umgebaut und renoviert wurde. Foto: Daniel Roock
   
Das Neefer Osterfeuer anno 1949

Mein Freund Werner und ich waren von unserem Pfarrer Rauber eingeteilt worden, als Messdiener in der Osternacht zur Verfügung zu stehen. Also waren wir auch zuständig für das Osterfeuer. Nun war das mit dem Osterfeuer so eine Sache. Unser Pfarrer achtete sehr auf Tradition und bestand darauf, dass dieses nicht herkömmlich mit einem Streichholz angezündet wurde. Nein, es sollte wie in früherer Zeit durch Reibung von Holzstäbchen in Flammen gesetzt werden.

Das Material für das Osterfeuer lag bereit. Es waren naturbelassene Äste und Palmensträuße (eigentlich waren es Zweige vom Buchsbaum) aus dem letzten Jahr, die ja mit der Weihung neuer Sträuße am Palmsonntag überfällig waren.

Wir wussten aus dem Schulunterricht, wie die alten Germanen Feuer gemacht haben – also mit diesen Stäbchen. Das erschien uns einfach und nachvollziehbar. Doch uns glückte es nicht. Was tun? Die Asche aus dem Osterfeuer musste ja am Aschermittwoch zum Anbringen des Aschenkreuzes vorhanden sein! Immer wieder versuchten wir es – es gelang nicht. In unserer Ratlosigkeit eilten wir, es war schon spät in der Nacht, zu Werner’s Vater.

Dieser, mein Onkel August, war ein sehr humorvoller Mann und auch ein Schlitzohr. Mit einem grinsenden Gesicht machte er die Türe vom Küchenherd auf, nahm eine kleine Schippe und füllte diese mit der Glut eines Briketts.

„So, und jetzt ab damit“ sagte er. Er wies noch darauf hin, dass wir drei Männer nun ein Geheimnis hätten.

Das Feuer brannte im Nu und das Büßerkreuz konnte am Aschermittwoch ausgeteilt werden – obwohl eine Tradition gebrochen wurde. Aber wer wusste das schon?

Eigenes Erlebnis des Chronisten

 
 
   
Die frühere "Klennerei"

Heute kennen nur noch ältere Leute das Wort "klenne". Namensforscher Josef Müller übersetzt in seinem "Rheinischen Wörterbuch" „klenne“ mit eilig laufen.

In meiner Jugendzeit wurde bei der Weinlese jede einzelne Beere geschätzt. War ein Weinberg gelesen, ging man immer noch einmal durch die Zeilen und pflückte jede nicht geerntete Traube. Ja, sogar der Boden wurde abgesucht und jede Beere gerafft. Und trotzdem blieben immer noch Trauben hängen. Diese durften dann nachgelesen werden. Das war offiziell erlaubt. Der Termin, wann mit der "Klennerei begonnen werden durfte, wurde vom Bürgermeister bekannt gegeben.

Am besten konnte man "klennen" gehen, wenn es schon Fröste gegeben hatte und das Laub an den Stöcken abgefallen war. Dann konnte man die wenigen noch hängen gebliebenen Trauben am besten finden. Und wenn man nicht schnell war, dann hatte mein zu viele Zeit vertrödelt und der Eimer war am Abend ziemlich leer. Also eilte man durch die Weinberge.

Wir hatten einen steilen Weinberg im Frauenberg. Dort gab es eine Stelle (en „Kiache“ – terrassenförmiger Platz), die besonders hoch in der Felswand lag.

Keiner ging gerne dort hin. Da musste man einigermaßen schwindelfrei sein. Schon der Anstieg zu diesem Platz war nicht ohne! Er führte über ein schmales und recht hohes Wingerts-Treppche. Ich meldete mich freiwillig! Man bewunderte den mutigen Bub. Keiner konnte jedoch meine Absicht erahnen. Ich ließ nämlich vorsorglich etliche Trauben an den untersten Reben, die zur Felswand gerichtet waren, hängen. Und beim späteren „klennen“ ging ich dann zielsicher gleich in den Felsen und hatte meinen Eimer schnell gefüllt.

Am Abend fanden sich dann die „Klenner“ beim Eduard Bremm ein, der diese nachgelesenen Trauben aufkaufte. Er lobte meine Ernte, weil sie von so hoher Qualität waren. Sie kam ja schließlich aus der besten Lage von Neef, was man auch leicht so erkennen konnte. Drum war Herr Bremm auch recht großzügig bei der Bezahlung.

Eigene Erinnerung des Chronisten

Das Foto zeigt Herrn Bremm (angelehnt an die Traubenbütte) mit seinem Lese-Trupp. Eduard Bremm hatte ein grosses Qualitätsweingut. Nicht alle "geklennte" Trauben konnte er für einen Qualitätswein gebrauchen.
Foto: Archiv Kurt Bergen
   
Da mussten doch die Neefer auf der Kirmes den „Fluppes“ trinken

In den Annalen von Neef findet man unter dem Datum des 9. September 1374 eine recht eigenartige Überlieferung. Urkundlich ordnet Erzbischof Cuno II. aus Trier an, dass dem Kloster Stuben das Recht zustand, auf der Neefer Kirmes (14. September) den Kirmes-Wein auszuzapfen.

Was lag dieser Verordnung zu Grunde?

Stuben hatte die Kirchenhoheit über Neef. In dem Kloster war der für Neef zuständige Kaplan untergebracht. Für dessen Unterhalt hatten die Neefer Bürger den zehntel Teil ihrer Ernten im Neefer Zehnthaus abzugeben. Dieser bestand zu einem großen Teil in Weinabgaben.

Nun waren die edlen Fräuleins, wie sich die Nonnen nannten, weil sie alle adeliger Herkunft waren, nicht gerade beispielhaft in ihrem Verhalten. Wegen einer recht ausschweifenden Lebensart besaßen sie erklärlicherweise nicht die Gunst der Neefer Bauern, die in größter Armut lebten. So entrichteten diese den Zehnten mit großem Unbehagen. Es gab immer wieder Streitigkeiten, ja sogar Prozesse, um diese Abgabe.
Es gab da noch den „Fluppes“ – das Getränk der armen Leute! Es wurde aus den allerletzten Tresterresten und unter Verwendung von viel Wasser gewonnen.

Dieses saure Gesöff lieferte man im Zehnthof ab. Und wenn es nicht der „Fluppes“ war, dann war es der sogenannte Sauerwein, also der Wein aus schlechten Jahren, der abgeliefert wurde.

Da hatten die Neefer Bauern doch endlich einmal diese anspruchsvolle und dünkelhaften Edeltöchter ausgetrickst!

Doch die verwöhnten Nonnen waren ob dieser Schlitzohrigkeit empört. So ging das nicht! Das war eine Frechheit! So ließen sie den miesen Wein gleich im Keller des Zehnthofes liegen. Und durch Cunos Verordnung mussten nun die Neefer Bauern auf der Kirmes, dem größten Fest im Jahr, ihren eigenen abgelieferten Fluppes trinken. Das kam einer Schmach gleich und verbesserte nicht das arg gestörte Verhältnis zu den Nonnen.

Diese lebten in der gehabten Art weiter, was aber letztendlich nicht gut endete, wie es die weitere Geschichte zeigt.

Aus der Chronik von Neef – unter lfd. Nr. 20. I. f.

Dörfliche Kirchweih - Jäckel, Günter - "Kaiser, Gott und Bauer"
   
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